Samstag, 10. Dezember 2022
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Alles nur Schnickschnack? Es kommt auf die Sichtweise an …

Hamburg. (usp) Mit Unbehagen nahmen viele Leser den Artikel «Bibelbrot: Schnickschnack für ein barockes Weltbild?» aus der Ausgabe 42/2009 dieses Infodiensts auf. Soll man einen Bogen um die religiöse Komponente machen? Es gibt viele Gründe, diese Frage zu bejahen. Andererseits ist sie spätestens seit der iba 2009 in den backenden Branchen präsent. Grund genug, das Thema aufzugreifen und Sichtweisen darzulegen. Die folgenden Leserzuschriften zeigen die gesamte Bandbreite:


Mehmet Hekmat, Köln/Istanbul: Seit vielen Jahren lese ich den WebBaecker und weiß deshalb, dass Sie manchmal ganz schön zwicken können. Sie klopfen auf den Busch und warten ab, was passiert. Dabei sind Sie in dem, wie Sie jetzt berechtigte Zweifel und absurde Vorstellungen zu einem Bibelbrot aneinanderreihen, nur auf den ersten Blick provokant. Sie zeigen, dass Sie sich auf den Schlips getreten fühlen (und stehen damit nicht allein). Auf den zweiten Blick dürfen Ihre Leser annehmen, dass es Ihnen gar nicht um die Widerlegung von Halbwahrheiten und Befürchtungen geht. «Nun lassen Sie mal die Kirche im Dorf», möchte man sagen und ist genau dort, wo Sie uns haben wollen: Nicht von ungefähr gibt es in Deutschland eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Dies sollte auch das Produktmarketing respektieren. Alles Andere führt früher oder später zu Missverständnissen, die keiner braucht und keiner will. In diesem Sinn vielen Dank fürs Zwicken.


Heinrich Jünemann, Berlin: Mit Ihren satirischen Ausführungen über das Bibelbrot als «Schnickschnack für ein barockes Weltbild» liegen Sie voll daneben. Typisch sind Ihre Aussagen für die heutige Zeit alles zu nivellieren. In unserer Wohlstandsgesellschaft ist Brot bedeutungslos und zur Halterung des Belages degradiert worden. Brot im erweiterten Sinn als Nahrungsmittel hat die Antike Welt bis heute als Materie und Geist beherrscht. Von den Ägyptern, die das Brotbacken erfunden haben, kam es zu den Israeliten, dann zu den Griechen und danach zu den Römern. Die Römer machten aus dem Brot ein Politikum. Die Einstellung zum Brot wandelte sich, als Jesus Christus lehrte: «Esset! Ich bin das Brot». In Bethlehem geboren hatte Christus schon enge Beziehungen zum Brot. Bethlehem heißt: «Haus des Brotes». Der Hunger war es auch, der sich in den Gleichnissen der Bibel wiederfindet. Die hungernden Menschen erwarten bis in die heutigen Zeit das irdische Brot. Darum bittet auch Jesus Christus im Vaterunser um das tägliche Brot. Brot ist zum Kult der größten Idee auf Erden geworden, Brot ist Religion. Das sollte uns allen in Deutschland wieder bewusst werden. Die Aktion des Backmittelherstellers anlässlich der IBA ist deshalb zu begrüßen.


Norbert Rohrberg, Duisburg: Ein Thema, um das man besser einen Bogen macht. Auf der IBA war das aber nicht zu übersehen. Ich habe in Düsseldorf nicht weiter darüber nachgedacht. Ich kann nicht jedem Ihrer Worte folgen. Aber das mit dem unguten Gefühl stimmt. Man sollte in der Werbung ein Tabu nicht einfach abstreifen wie einen alten Mantel. Entweder Bibel oder Brot. Nicht Bibelbrot.


Olaf Ohlms, Niebüll: Ich habe im Internet zufällig Ihren Kommentar zum sogenannten Bibelbrot gelesen. In einer Zeit, wo nun wirklich alles vermarktet wird was irgendwie zu vermarkten geht, ist es vielleicht auch einmal an der Zeit, etwas leisere Töne anzuschlagen. Auch ich bin der Meinung ,dass die Kampagne des Herstellers über das Ziel hinausschießt. Es ist ja bekannt, dass seit 2006 (wo wir alle Papst wurden) nun wirklich fast alles vermarktet wurde was im Zusammenhang mit dem neuen Papst steht – vom Papstbier bis zur Versteigerung seines alten Autos bei Ebay. Ich denke es steht unserer Gesellschaft gut zu Gesicht, wenn wir etwas mehr in uns gehen, und die Religion dort lassen wo sie eigentlich wirken sollte: in den Kirchen und in den sozialen Einrichtungen unseres Landes, und nicht zuletzt in unseren Herzen.


Peter Augendopler, Asten (Hersteller und Ideengeber): Besten Dank dafür, dass Sie dem Bibelbrot Ihre Aufmerksamkeit widmen, und sich darüber Gedanken machen – alle Meinungen dazu sind legitim. Tatsache ist, dass das Christentum die Religion des Brotes ist. Das beginnt damit, dass Bethlehem «Haus des Brotes» heißt, dass man bei der Kommunion den Leib Christ in Form eines Brotes (Hostie) bekommt und dass Christus sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Und man kann noch hunderte Beispiele bringen. Das Erstaunliche ist eigentlich, dass das Thema seit Jahrhunderten auf der Hand liegt, es aber niemand gesehen hat. Die Bibel ist die Basis des Glaubens und des Vertrauens für mehr als zwei Milliarden Menschen und meiner Meinung nach das klügste und intelligenteste was jemals geschrieben wurde. Ich darf Ihnen ein Beispiel geben. Eine der wichtigsten kulturellen Errungenschaften unserer modernen Gesellschaft ist die Trennung von Kirche und Staat. Und die finden Sie schon in der Bibel mit dem Zitat: Gib Gott was Gottes ist und des Kaisers was des Kaisers ist. Ist das nicht großartig? Und dass die Bibel auch von anderen Religionsgemeinschaften respektiert wird, spricht ebenfalls für sie. Schon in den nächsten Wochen werden Sie Bibelbrot auch in muslimischen Ländern finden – von Muslimen gebacken für christliche Kunden. Das ist doch positiv und zeigt wie entspannt ganz normale Menschen mit diesem Thema umgehen? Und ist es nicht wohltuender über solch ein Thema zu diskutieren als über manch anderes?.


Luus Karanfil, Marmaris (TR): Seit Tagen verfolge ich im Internet die Diskussion über das Thema «Bibelbrot». Als Tochter eines evangelischen Pfarrers in einem muslimischen Land beglückwünsche ich den Hersteller zu seinem Weltbild. Möge es ihm erhalten bleiben. Davon abgesehen arbeiten sich Ihre WebBaecker-Leser Punkt für Punkt durch ein Thema, das nicht nur dieses Brot umfasst sondern ganz allgemein einen religiösen Anstrich in der doch unbestritten weltlichen Werbung – am Beispiel dieses Brotes. Für Herrn Augendopler spricht, dass sein Bibelbrot für ihn nicht nur Marketing, sondern Überzeugung ist. Als gelernte Deutsche kann ich mir vorstellen, dass das in manchen Teilen der Welt nicht ausreicht und er besser einen Beipackzettel dazulegen lässt, wie er sein Brot meint. Es sind meistens ganz normale Leute, die zum Bäcker gehen – keine Theologen. In anderen Ländern wird man sein Brot dafür besser verstehen können. Für Deutschland oder andere westeuropäische Länder kann ich mir das Brot nur in Wallfahrtsorten vorstellen oder ähnliches. Aber ich bin mir nicht sicher. Das Erstaunliche an dieser Diskussion ist doch die überraschend große Meinungsvielfalt. Der Anstoß hat dafür gesorgt, dass hier sehr ehrliche und engagierte Meinungen zu lesen sind.

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