Sonntag, 23. Januar 2022
Deutsch Englisch
20211209-BUNDESREGIERUNG

BMEL: Was vom neuen Bundesminister zu wünschen wäre

Bremerhaven. (usp) Seit vielen Jahren wird der Fachbereich «Ernährung und Landwirtschaft» missverstanden. Die einen sehen darin ein Vehikel, über das sie ihre Verbandsinteressen ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt durchsetzen. Kein Geheimnis ist, dass diese Sichtweise bis hinauf in Brüssels höchste Gremien traditionell gut vernetzt ist – und wenig enkeltauglich. Das Resultat ist eine Agrarpolitik von gestern, mit deren Folgen künftige Generationen werden zurechtkommen müssen.

Die anderen sehen im Fach «Ernährung und Landwirtschaft» die Einladung, durch Lenkungsinstrumente von gestern den Leuten vorzuschreiben, was sie morgen essen sollen. Die bloße Ankündigung dieser Instrumente ist zunächst mal nur dilettantisch. Sie ist insofern zu verzeihen, weil Cem Özdemir als neuer Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erst seit 10. Dezember 2021 im Amt ist. Bis 2021 war der diplomierte Sozialpädagoge Vorsitzender des Bundestags-Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur und hat – abgesehen von seiner Tätigkeit als Botschafter des Deutschen Brotes 2017 – keine erkennbare Eignung für das Fach, als dessen oberster Entscheidungsträger er jetzt das letzte Wort hat.

Mit viel gutem Willen kann man darin einen «erfrischenden Blick von außen» sehen. Tatsächlich aber unterschätzt (auch) Cem Özdemir die Komplexität seines Aufgabenbereichs, das Ernährung und Landwirtschaft heute bis weit in die Zukunft denken muss. Dafür braucht es profunde Kenntnisse, um (a) zukunftsfähige Schwerpunkte zu erkennen und (b) rechtzeitig zu setzen. Mit einer Bullerbü-Romantik wie unter seiner Vorgängerin werden wir nichts gewinnen und uns nur weitere vier Jahre im Kreis drehen.

Wir brauchen Innovationen!

Wir brauchen Innovationen. Wir brauchen zum Beispiel keine höheren Steuern auf Fleisch und Fleischerzeugnisse, sondern eine kluge Gesetzgebung, die Fisch, Fleisch und Geflügel aus dem Bioreaktor auch hierzulande ermöglicht. Damit hätte sich das Drama um die Tierhaltungsbedingungen schon halb erledigt. Auch der Flächenfraß und andere Naturzerstörungen, die aus der konventionellen Fleischerzeugung resultieren, wären im Nu um ein Vielfaches kleiner und kaum mehr der Rede wert.

Selbst Milch und Milcherzeugnisse lassen sich heute im Bioreaktor erzeugen, ohne dass auch nur ein Muttertier von seinem Kalb getrennt werden müsste. Analog zu Fleisch und Fleischerzeugnissen braucht es für die neue Milch keine Gentechnik, sondern nur Gesetze und Verordnungen, die Forschung fördern und vielversprechendes Know-how nicht länger außer Landes treiben.

Ähnliches gilt für Getreide, Gemüse und Obst. Traditionelle Felder und Plantagen wird es auch in Zukunft geben. Doch wir müssen auch erkennen, dass der Klimawandel zunehmend Extreme bringt und wir mit endlichen Ressourcen besser haushalten müssen. Blattspinat und Erdbeeren aus dem Vertical Farming mögen heute kein Problem mehr sein. Doch was ist mit Brotgetreide? Wir müssen Wege finden, um Roggen, Weizen, Hafer und Co. unter Bedingungen anzubauen, unter denen sie – frei von Gentechnik und Pestiziden – auch in Zukunft ordentlich wachsen und gedeihen können.

Der neue Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft hat also ein weites Betätigungsfeld, auf dem er sich in Zusammenarbeit mit dem Bundesumweltministerium und dem Bundesforschungsministerium selbst verwirklichen und um die Ernährung für künftige Generationen verdient machen könnte. Wäre schade für Deutschland und Europa, würde (auch) er das nicht erkennen (Foto: Bundesregierung – Steins).