Sonntag, 13. Juni 2021
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BÖLW: Historisches Plus beflügelt die Biobranche

Berlin. (boelw) «Das historische Bio-Plus zeigt: Die Kundinnen, Bauern und Lebensmittelunternehmen bauen die Land- und Lebensmittelwirtschaft längst um», sagt Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bio-Spitzenverbands Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) zur Bio-Entwicklung 2020 und ergänzt: «Die starken Impulse aus Wirtschaft und Gesellschaft können die Politik unterstützen, Probleme zu lösen, die heute dringlicher sind als je zuvor: der Schutz von Klima, Gewässern, Tieren und Biodiversität. Der Schwung muss von der Politik auch genutzt werden, um der Perspektivlosigkeit auf vielen Bauernhöfen zu begegnen. Es liegt jetzt an den Regierenden, nicht nur wichtige Nachhaltigkeitsziele von Bio bis Green Deal auszurufen, sondern auch ihre Politik mit voller Kraft auf enkeltaugliche Wirtschaft und Ernährung auszurichten».

Auch 2020 nutzten viele neue Höfe und Lebensmittelunternehmen die Bio-Chance. Mehr Kundinnen und Kunden als je zuvor füllten ihre Einkaufstaschen mit mehr Bio-Lebensmitteln. Corona verstärkte den Wunsch nach gesundem, umweltschonend produziertem Essen noch einmal deutlich.

35.413 Höfe in Deutschland bewirtschafteten im Jahr 2020 1.698.764 Hektar Fläche ökologisch, insgesamt 10,2 Prozent aller Landwirtschaftsflächen sind damit Bio. Das Flächenplus von 5,3 Prozent sorgte für zusätzliche 84.930 Bio-Hektar.

Über 8.000 Betriebe entschieden sich in den vergangenen 5 Jahrenfür Öko-Landwirtschaft – im selben Zeitraum verlor Deutschland insgesamt fast 12.000 Höfe. Viele Öko-Bäuerinnen und Bauern setzten auf einen Bio-Verband und nutzen dessen Stärke in Beratung, Vermarktung und politischer Vertretung: 67.598 Hektar stellten die Bio-Betriebe nach den besonders hohen Standards der Verbände um.

Auch die Öko-Herstellung von Lebensmitteln entwickelte sich gut: 16.281 Bio-Herstellerinnen und -Hersteller sorgen – vor allem auch in den ländlichen Regionen und um die Ballungszentren herum – für gute, sichere Arbeitsplätze und vielfältiges Essen. In den letzten fünf Jahren stiegen 3.351 Betriebe (+ 26 Prozent) in die Produktion von Öko-Lebensmitteln ein.

Der Bio-Markt wuchs 2020 auf insgesamt 14,99 Milliarden Euro (2019: 12,26 Milliarden Euro) an*. Damit investierten die Deutschen im Corona-Jahr 22 Prozent mehr in Bio-Lebensmittel als 2019. Echte Verkaufshits über das gesamte Jahr waren Öko-Fleisch und -Mehl sowie -Obst- und -Gemüse mit Zuwächsen zwischen 70 Prozent (Geflügel) und 25 Prozent (Obst). Öko legte ungefähr doppelt so stark zu wie der Lebensmittelmarkt insgesamt. Der Bio-Anteil am gesamten Lebensmittelmarkt erhöhte sich 2020 so auf vorläufige 6,4 Prozent.

Die Kundinnen und Kunden kauften Bio an allen Verkaufsplätzen: Am stärksten boomte es bei den sonstigen Geschäften**. Mit einem Plus von 35 Prozent verbuchten die Hofläden, der Online-Handel (inkl. Lieferdienste), Wochenmärkte, Bäckereien und Metzgereien sowie Reform-Häuser den höchsten Umsatzzuwachs. Besonders Direkt- und Onlinevermarktung boomten, die Bio-Abokisten-Services mussten bereits beim ersten Lockdown ihre Kapazitäten stark aufstocken, um die Nachfrage bedienen zu können.

Dem Naturkosthandel bescherten Stamm- und Neukundschaft in der Corona-Krise ein Umsatzplus von 16,4 Prozent. Insgesamt steigerten die Bio-Fachhändlerinnen und -händler ihren Umsatz mit Lebensmitteln und Getränken 2020 auf 3,70 Milliarden Euro***. Der Marktanteil des Fachhandels betrug 25 Prozent.

Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) konnte seine Umsätze mit Bio-Lebensmitteln und Getränken um 22 Prozent steigern. Mit insgesamt 9,05 Milliarden Euro hielt der LEH 2020 damit einen Anteil am Bio-Markt von 60 Prozent. Insbesondere die Vollsortimenter punkteten stark, da die Menschen gern weniger oft und dafür alles in einem Geschäft kauften.

Die Branche konnte die enorme Nachfrage bewältigen, da viele Höfe in den letzten Jahren umstellten. Da die Umstellung aber bis zu Jahre dauert, kamen die Bio-Produkte von diesen Höfen erst verzögert auf den Markt. Und so traf im Jahr 2020 ein Produktschub von den neuen Bio-Betrieben der vorangegangenen Jahre auf einen großen Nachfrageschub in den Läden. Bestimmte Bio-Produkte wie beispielsweise Obst und Gemüse oder Schweinefleisch mussten auch zeitweise stärker aus dem Ausland eingeführt werden. Unterm Strich bildet die stärkere Nachfrage nach Bio weiter eine Chance für die Öko-Betriebe – vor allem, wenn sie kreativ in der Wahl ihrer Produktpalette sind, und sich in der Gemeinschaft von Bio-Verbänden ihre Produktion passgenau auf die Nachfrage aus Verarbeitung und Handel anpassen.

Die positive Entwicklung der Lebensmittelherstellung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in diesem Teil der Wertschöpfungskette Lücken klaffen, die auch mithilfe von förder-, forschungs- und ordnungspolitisch Maßnahmen geschlossen werden müssen – die nachhaltige Herstellung von Lebensmitteln muss ebenso vorzüglich wie die Öko-Landwirtschaft sein. Ohne mittelständisches Lebensmittelhandwerk in den Regionen gehen nicht nur Arbeitsplätze und Knowhow verloren. Vielmehr fehlt ohne die Bio-Müllerinnen, -Meier, -Bäcker oder Fleischverarbeiterinnen ein wichtiger Baustein für eine enkeltaugliche Lebensmittelwirtschaft und resiliente Wertschöpfungsketten.

«Der Blick auf 2020 und die vergangenen Jahre zeigt: Das 25 Prozent Bio-Ziel, das sich die EU bis 2030 mit der Farm to Fork-Strategie gesetzt hat, ist erreichbar», sagt Felix Löwenstein. «Damit in Zukunft genügend Unternehmen die Bio-Chance nutzen können, muss die Politik die Signale entschieden auf Nachhaltigkeit stellen. Es ist wichtig, dass vom Bauernverband bis Bundesministerin alle Verantwortlichen diese Alternative nicht kleinreden, sondern den Bäuerinnen und Bauern sowie der gesamten Wertschöpfungskette Mut für neue Wege machen – und diese auch entsprechend politisch bahnen mit allen verfügbaren Stellschrauben, an denen die Entscheiderinnen und Entscheider gemeinsam Richtung Bio drehen müssen.»

Der BÖLW-Vorsitzende weiter: «Besonders bei der EU-Agrarpolitik, die mit Milliarden Euro bestimmt, welche Landwirtschaft sich lohnt, braucht es einen Kurswechsel. Mindestens 70 Prozent der Gelder müssen infreiwillige Umweltleistungen der Bäuerinnen und Bauern investiert werden.» Mit den neuen Freiräumen, die Brüssel bei der Agrarpolitik lässt, hätte Deutschland mit dem Nationalen Strategieplan große Gestaltungsmöglichkeiten. Diese gelte es zu nutzen, um den notwendigen Umbau der Landwirtschaft zu gestalten – und all denen Planungssicherheit zu geben, die sich für eine Umstellung auf Bio und damit für mehr Nachhaltigkeit engagieren wollen. «Entscheidend für einen Systemwechsel ist auch, das neue Bio-Recht in Brüssel, Berlin und den Bundesländern zukunftsfähig auszugestalten, die Öko-Forschung und -Entwicklung stärker auszubauen, die Absatzentwicklung heimischer Bio-Produkte und den Umbau der Tierhaltung insgesamt konsequent nach den Plänen der Borchert-Kommission voranzubringen – für letzteres braucht es einen Rahmen, der die Leistungen von Bio angemessen berücksichtigt», so der BÖLW-Vorsitzende abschließend.

* Bio-Umsatzberechnung durch den Arbeitskreis Bio-Markt. Zum Arbeitskreis Bio-Markt gehören: Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), BioVista, Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN), Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), Prof. Dr. Katrin Zander (Universität Kassel), Klaus Braun (Klaus Braun Kommunikationsberatung), Prof. Dr. Paul Michels (Hochschule Weihenstephan-Triesdorf) und Nielsen.

** sonstige Geschäfte: Bäckereien, Metzgereien, Obst-/Gemüse-Fachgeschäfte, Wochenmärkte, Ab-Hof-Verkauf, Abo-Kisten, Versandhandel, Tankstellen, Reformhäuser. Die Umsatzgröße der sonstigen Einkaufsstätten wurde 2019 für 2012-2018 angepasst und orientiert sich an den im BÖLN-Projekt «Bio-Marktschätzung» ermittelten Werten.

*** ohne Non-Food

Alle Branchenstatistiken finden Interessenten in der Broschüre «Branchenreport 2021 – Ökologische Lebensmittelwirtschaft» unter der Adresse boelw.de/biobranche2021 (Foto: pixabay.com).