Samstag, 31. Oktober 2020
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Brotindustrie: NGG NRW ruft zu Warnstreiks auf

Düsseldorf. (ngg) Die Gewerkschaft NGG ruft die Beschäftigten der Brot- und Backwarenindustrie in Nordrhein-Westfalen (NRW) zu ersten befristeten Arbeitsniederlegungen auf. Damit will die NGG den Druck in den laufenden Tarifverhandlungen erhöhen. Die Gespräche wurden im Juni ohne Ergebnis vertagt. Die Gewerkschaft fordert 6,2 Prozent mehr Lohn und Gehalt.

Nachdem die Arbeitsgeberseite bei den Tarifverhandlungen im Juni kein Angebot für die Beschäftigten in der Brot- und Backwarenindustrie in NRW sowie in den norddeutschen Tarifgebieten vorgelegt hat, verleihen die Beschäftigten mit Warnstreiks der Forderung nach einer Steigerung der Löhne und Gehälter von 6,2 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten deutlich Nachdruck. Der Lohn- und Gehaltstarifvertrag wurde bereits zum 31. März 2020 gekündigt.

Dazu erklärte Mohamed Boudih, Landesbezirksvorsitzender der NGG.NRW, am 05. August 2020: «Aufgrund der Corona-Pandemie haben die Verhandlungen sehr spät begonnen, jetzt warten die Beschäftigten aber lange genug auf eine Tariferhöhung. Dies ist umso unverständlicher, als dass die Branche derzeit ordentlich zu tun hat. Durch die Systemrelevanz der nahrungsmittelproduzierenden Betriebe und den gestiegenen Bedarf mussten die Beschäftigten in den vergangenen Wochen und Monaten Überstunden leisten und Sonderschichten fahren. Die Belegschaften haben geschuftet und alles gegeben, damit die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sichergestellt werden konnte.»

Die Arbeitnehmenden haben jeden Tag eine harte Arbeit geleistet. Und die muss jetzt angemessen honoriert werden, sagt Boudih. Außerdem fressen Mieten und andere Kosten einen großen Teil der Einkommen der Beschäftigten auf. «Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass die Tariflöhne nicht abgehängt werden. Wir wollen ein faires Einkommen für gute Arbeit. Die Arbeitgeberseite muss sich endlich bewegen», unterstreicht Boudih die Forderung. Die Gewerkschaft NGG erwartet ein akzeptables und verhandlungsfähiges Angebot in der nächsten Verhandlung.

Die Tarifverhandlungen für die Brot- und Backwarenindustrie in NRW, Niedersachsen, Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein werden am 10. September fortgesetzt. Zum Tarifgebiet, auf das die NGG.NRW Einfluss nimmt, gehören unter anderem Lieken, Bonback, Harry und Mestermacher.

Kommentar: Die immergleichen Phrasen passen nicht

Sicher ist das «Getöse nach altem Muster» als Versuch zu werten, möglichst viel von der genannten Maximalforderung durchzusetzen. Andererseits: Wir sitzen alle im gleichen Boot und müssen gemeinsam eine Situation bewältigen, die (a) einzigartig ist und von der wir (b) nicht wissen, wohin sie führt. Sie ist ohne Beispiel und kann sich jeden Tag um 180 Grad drehen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit, Stand Juli 2020, zählt Deutschland derzeit 2,91 Millionen Arbeitslose sowie etwa 6,7 Millionen Kurzarbeitende. Es mag zwar richtig sein, dass die Mitarbeitenden der Brotindustrie das Gefühl eint, in der ersten Phase der Pandemie richtig geschuftet zu haben, um die Versorgung der Menschen zu sichern. Um so mehr sollten sie in ihrer Rhethorik – und Strategie – jetzt bekannte betriebswirtschaftliche Mechanismen berücksichtigen. Denn ob ihr Arbeitsplatz trotz der empfundenen Schufterei überhaupt sicher ist, steht noch gar nicht fest. Erst die zweite Hälfte des laufenden Jahres wird zeigen, welche Absatzmärkte bleiben, sich erholen, schmelzen oder wegbrechen. Schlimmstenfalls stellt die NGG ihren Mitgliedern gerade ein Bein, über das ganze Belegschaften dann fallen müssen. Hoffentlich nicht, wünscht Ihre Ute Speer.