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20200323-COVID-19

Covid-19: Leopoldina stellt Vorschläge für Exit-Strategie vor

Halle / Saale. (leo / eb) Am Gründonnerstag, den 09. April 2020, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bürgerinnen und Bürger eindringlich dazu aufgerufen, in ihren Bemühungen gegen die Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 nicht nachzulassen. Die neuesten Zahlen würden zwar Anlass zu vorsichtiger Hoffnung geben. Doch es sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt wichtig, nicht leichtsinnig zu sein und sich nicht in Sicherheit zu wiegen – «denn wir können sehr schnell das zerstören, was wir erreicht haben». Das sagte Merkel nach einer Sitzung des Corona-Kabinetts in Berlin.

Dort wurde Merkel auch auf mögliche Exit-Strategien angesprochen, die den Weg zurück in die Normalität gestalten helfen sollen. Anlass waren Forderungen aus Nordrhein-Westfalen (NRW), die auf einer Studie im Landkreis Heinsberg basierten. Die Studie konnte aus wissenschaftlicher Sicht zwar nicht ausreichend überzeugen, doch wurde oft und gerne daraus zitiert. Entsprechend überging Merkel die Vorschläge aus NRW und avisierte vor Ostern eine Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle an der Saale, die für sie als Handlungsleitfaden sehr wichtig sei und an der sie sich orientieren wollte. Diese Stellungnahme ist jetzt erschienen. Genau genommen handelt es sich um drei Stellungnahmen, die aufeinander aufbauen – wie nachfolgend beschrieben und zum Download verfügbar:

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat eine dritte Ad-hoc-Stellungnahme zur Covid-19-Pandemie veröffentlicht. Das Papier mit dem Titel «Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden» behandelt die psychologischen, sozialen, rechtlichen, pädagogischen und wirtschaftlichen Aspekte der Pandemie und beschreibt Strategien, die zu einer schrittweisen Rückkehr in die gesellschaftliche Normalität beitragen können.

Die Autorinnen und Autoren der Stellungnahme betonen, dass vor dem Hintergrund der durch die Coronavirus-Pandemie verursachten psychischen, sozialen, wirtschaftlichen, zivilgesellschaftlichen und politischen Probleme die rasche Eindämmung der Ausbreitung der Pandemie weiterhin höchste Priorität haben müsse. Wenngleich die Pandemie das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben noch auf Monate bestimmen wird, gelte es nun, über die akuten Einschränkungen zentraler Grundrechte (wie der Bewegungsfreiheit) hinaus zu gehen und Kriterien und Strategien für die allmähliche Rückkehr in die Normalität zu entwickeln. Voraussetzung für eine solche allmähliche Lockerung sei, so lautet die Stellungnahme, dass sich die Neuinfektionen auf einem niedrigen Niveau stabilisieren, das Gesundheitssystem nicht überlastet wird, Infizierte zunehmend identifiziert werden und die Schutzmaßnahmen (Hygienemaßnahmen, Mund-Nasen-Schutz, Distanzregeln) eingehalten werden.

Das Papier thematisiert Fragen der daten- und modellgeleiteten Entscheidungsunterstützung und Perspektiven, die in die Abwägung von Rechtsgütern einzubeziehen sind. Vorgeschlagen werden weiterhin Empfehlungen zur Abfederung von psychologischen und sozialen Auswirkungen. Zudem werden Maßnahmen für den Wirtschafts- und Finanzsektor sowie den Bildungsbereich erläutert. Als Rahmen dafür benennt die Stellungnahme folgende Prinzipien: der Schutz jedes einzelnen Menschen und die Ermöglichung eines menschenwürdigen Lebens sowie die stufenweise zu realisierende Wiederherstellung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Handlungsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger. Alle Maßnahmen sollen sich an den Leitkonzepten von Nachhaltigkeit und Resilienz orientieren (Anm. d. Red.: Resilienz im Sinn von Widerstandsfähigkeit).

Die dritte Stellungnahme ergänzt die beiden Stellungnahmen zu gesundheitspolitischen Fragen im Umgang mit der Pandemie vom 03. April und vom 21. März. Diese Empfehlungen gelten weiterhin. Darüber hinaus, so sagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dürfe die aktuell stark auf Covid-19-Patienten konzentrierte Versorgung nicht zu einer Unterversorgung anderer Erkrankter führen. Dabei seien ausreichende Intensiv- und Schutzkapazitäten für neue Ausbrüche der Pandemie als Reserve vorzuhalten. Das Gesundheitswesen soll analysiert und entsprechend angepasst werden. Außerdem müsse die Forschung zu wirksamen Medikamenten und die Entwicklung von schnell und in großen Mengen verfügbaren Impfstoffen massiv vorangetrieben werden. Die Nationale Akademie der Wissenschaften wird den Verlauf der Pandemie weiter aufmerksam und aktiv begleiten.

Die ausführliche dritte Ad-hoc-Stellungnahme «Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden» inklusive Autorinnen und Autoren gibt es hier im Download.

03. April 2020: Nationalakademie Leopoldina legt zweite Ad-hoc-Stellungnahme vor

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat eine zweite Ad-hoc-Stellungnahme mit dem Titel «Coronavirus-Pandemie – Gesundheitsrelevante Maßnahmen» veröffentlicht. Das Papier konzentriert sich auf gesundheitsrelevante Maßnahmen, die zu einer schrittweisen Normalisierung des öffentlichen Lebens beitragen können. Drei werden als besonders wichtig erachtet: 1. flächendeckende Nutzung von Mund-Nasen-Schutz, 2. kurzfristige Verwendung mobiler Daten und 3. Ausbau der Testkapazitäten.

Das Papier ergänzt die Ad-hoc-Stellungnahme «Coronavirus-Pandemie in Deutschland: Herausforderungen und Interventionsmöglichkeiten» der interdisziplinären Arbeitsgruppe vom 21. März 2020. Darin beschrieben die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie, zum Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen sowie für eine gezielte Kapazitätserhöhung im öffentlichen Gesundheitswesen und im Versorgungssystem. Die gesundheitspolitischen Empfehlungen haben nach wie vor Gültigkeit. Sie werden in dem neuen Papier unter Berücksichtigung der zwischenzeitlichen Entwicklungen ergänzt.

Aktuell sind gesundheitsrelevante Maßnahmen besonders wichtig. Darüber hinaus müssen unmittelbare und langfristige gesellschaftliche sowie ökonomische Folgen berücksichtigt und in die Entscheidungen einbezogen werden. Die Leopoldina erarbeitet derzeit weitere Stellungnahmen mit Empfehlungen für ein nachhaltiges «Wiederhochfahren» des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft.

Die ausführliche zweite Ad-hoc-Stellungnahme «Coronavirus-Pandemie – Gesundheitsrelevante Maßnahmen» inklusive Autorinnen und Autoren gibt es hier im Download.

27. März 2020: Nationalakademie Leopoldina berät zur Coronavirus-Pandemie

Das Coronavirus SARS-CoV-2 und die damit einhergehende Atemwegserkrankung Covid-19 breiten sich weltweit mit hoher Dynamik aus. Die Leopoldina hat eine erste Ad-hoc-Stellungnahme zu möglichen gesundheitspolitischen Handlungsoptionen gegen die weitere Ausbreitung des Virus veröffentlicht. Die dazugehörige Arbeitsgruppe wird die Nachjustierung und Ausgestaltung von Maßnahmen mit weiteren Veröffentlichungen unterstützen und begleiten. Eine weitere Arbeitsgruppe, die sich mit den rechtlichen, wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Aspekten der Pandemie befasst, wurde eingerichtet.

21. März 2020: Nationalakademie Leopoldina legt Ad-hoc-Stellungnahme vor

Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Leopoldina hat sich mit medizinischen Perspektiven der Pandemie befasst. Die daraus resultierende Ad-hoc-Stellungnahme «Coronavirus-Pandemie in Deutschland: Herausforderungen und Interventionsmöglichkeiten» diskutiert mögliche gesundheitspolitische Handlungsoptionen gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland.

Die von der Bundesregierung und den Bundesländern ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der aktuellen Coronavirus-Pandemie sind derzeit dringend erforderlich und entsprechen der durch die Pandemie ausgelösten Bedrohung. Sie bestehen aus dem Dreiklang: Eindämmung der Epidemie, Schutz der vulnerablen Bevölkerung sowie einer gezielten Kapazitätserhöhung im öffentlichen Gesundheitswesen und im Versorgungssystem. Für die Wirksamkeit und Notwendigkeit einiger dieser Maßnahmen gibt es wissenschaftliche Hinweise, andere werden aufgrund von Hochrechnungen und politischen Überlegungen vorgeschlagen. Die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen muss mit höchster Priorität verfolgt werden. Hierbei müssen medizinethische Aspekte berücksichtigt werden.

Es deutet sich an, dass zum jetzigen Zeitpunkt ein deutschlandweiter temporärer «Shutdown» (etwa drei Wochen) mit konsequenter räumlicher Distanzierung aus wissenschaftlicher Sicht empfehlenswert ist. Dabei müssen notwendige und gesundheitserhaltende Aktivitäten weiterhin möglich bleiben. Alle Anstrengungen der nächsten Wochen und Monate sollten darauf gerichtet werden, dass pharmazeutische Interventionen und Schutzmaßnahmen im öffentlichen Raum verfügbar werden und Kapazitäten zur Testung von Verdachtsfällen und Einreisenden vorhanden sind. In der Zeit des «Shutdowns» müssen Vorbereitungen für das kontrollierte und selektive Hochfahren des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft getroffen werden.

Mit einem temporären «Shutdown» hat die Arbeitsgruppe eine bundeseinheitliche stringente Ausgangsbeschränkung bis mindestens nach Ostern diskutiert. Dann wäre die Situation neu zu evaluieren. Dies würde kein Arbeitsverbot, kein Einkaufsverbot von Lebensmitteln und auch keine Unterbindung von Spaziergängen im Familienkreis bedeuten. Ziel ist die konsequente Nutzung von Homeoffice, wenn irgend möglich. Entscheidend ist auch eine disziplinierte räumliche Distanzierung von Personen von zwei Metern, besonders, wenn sie nicht in einem Haushalt wohnen.

Die ausführliche Ad-hoc-Stellungnahme «Coronavirus-Pandemie in Deutschland: Herausforderungen und Interventionsmöglichkeiten» mit Autorinnen und Autoren gibt es hier im Download (Foto: pixabay.con).

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