Dienstag, 4. Oktober 2022
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E-Commerce: Diese Trends lassen sich im LEH ablesen

Bremerhaven. (eb) Der Frühling ist da. Nach ermutigenden Ostertagen kann sich Deutschland erlauben, über eine Exit-Strategie nachzudenken. Vorsichtig die ersten Schritte gehen hin zu einer Normalisierung, die uns wohl noch den Rest des Jahres beschäftigen wird. Kluges Management hat uns bislang vor Schlimmerem bewahrt. Mehr Nachhaltigkeit und Widerstandskraft wünscht sich die Wissenschaft für die Zukunft. Während wir uns immer noch die Augen reiben über die veränderten Bedingungen, mit denen wir bis auf Weiteres zu tun haben. Die Augen reiben angesichts der beispiellosen Hilfspakete für die Wirtschaft, umfangreicher sozialer Leistungen für Bürger, die zur Neuorientierung gezwungen sind – und angesichts eines Gesundheitssystems, das «so schlecht» nicht sein kann. Auch Deutschland trauert um tausende Tote. Gleichzeitig wundern wir uns im Stillen über das, was angesichts der Covid-19-Gefahr rund um den Globus möglich ist – und was nicht. Ein Moment der Einkehr, in dem wir realisieren, dass die Gefahr zwar nicht gebannt ist, doch längst nicht mehr so präsent wie noch vor wenigen Wochen.

Deutschland hat gelernt damit umzugehen

Hilfreich für die nachhaltige Bewältigung ist nach wie vor ein Blick auf andere Länder und Veränderungen, die Covid-19 dort hinterlassen hat. Oder sehen wir auf den bundesdeutschen Lebensmittelhandel (LEH): «Multichannel», also der Verkauf über mehrere Vertriebsschienen, ist heute längst keine Seltenheit mehr. Ein Blick auf das Covid-19- Ursprungsland China hat uns vor gut zwei Wochen gezeigt, wie sich die einzelnen Säulen zueinander neu justieren – angesichts der Pandemie, die rund um den Globus erst dann vorbei ist, wenn 60 bis 70 Prozent der Menschen durch wirksamen Impfschutz immunisiert sind. Dieser Schutz wird frühestens im ersten Halbjahr 2021 zur Verfügung stehen. Es besteht hier und heute also kein Grund für die Annahme, die Gefahr sei gebannt und wir könnten weitermachen wie bisher.

Die backenden Branchen können nicht weitermachen wie bisher

Bei einigen der gut gemeinten, vom Ansatz her jedoch kontraproduktiven Aktionen würden wir uns wünschen, dass die Akteure weniger auf Aktionismus setzten. Der Kompass hat sich definitiv verschoben. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Bei der Summe an Konzepten, Standorten und Selbstverständnissen, die die Bäckerbranche so vielseitig prägen, steht das noch zu weit im Hintergrund. Die Handlungsbedarfe sind unterschiedlich. Glücklicherweise sind die backenden Branchen kreativ und haben längst begonnen, Konzepte neu zu justieren.

Dem Blick nach Osten folgt der Blick nach Westen

Nach dem Aufspüren grundlegender Tendenzen im Covid-19- Ursprungsland China wollen wir hier den Bogen spannen zu einem weiteren Hotspot der Pandemie: den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Welt befindet sich mitten in einem Paradigmenwechsel und selten präsentierte sich die größte Volkswirtschaft, an der sich bislang so viele Staaten orientierten, so schwach und verletzlich wie in diesen Wochen. Die Politik seit Jahren zerstritten, das Land gespalten. Statt Analyse und Wahrhaftigkeit «alternative Fakten», wohin man schaut. Gut 598’000 Infizierte und 25’200 Tote als Sinnbild für eine Region, die Orientierung sucht (Stand: 2020-04-14 | 21:20). Die Hochleistungsmedizin fördert und regelmäßig Nobelpreisträger hervorbringt, aber nicht in der Lage ist, ihren 320 Millionen Bürgern eine ausreichende Grundversorgung zu bieten.

Unter diesem Eindruck wundert es nicht, dass sich durchschnittliche US-Bürger derzeit mehr nach innen kehren als die Menschen anderer Regionen. Auf die Einkaufs- und Kochgewohnheiten der US-Amerikaner habe die Covid-19-Pandemie jedenfalls «tiefgreifende Auswirkungen». Das hat der Mahlzeiten- Planungsdienst »eMeals« Ende März im Rahmen einer repräsentativen Umfrage unter mehr als 3.000 Verbrauchern herausgefunden. Damit bietet «eMeals» nicht nur aktuelle Einblicke auf den US-amerikanischen Markt, der uns mit seinen Ausprägungen weitgehend «bekannt» vorkommt. Zugleich zeigt uns eMeals Facetten auf, die wir unseren Skizzen auf der Suche nach grundlegenden Tendenzen hinzufügen können.

Zentrale Ergebnisse der eMeals-Umfrage

Verbraucher konnten rund 40 Prozent der Lebensmittel nicht finden, die sie auf ihren Einkaufslisten notiert hatten. Das trifft besonders auf den Zeitraum vom 18. bis 23. März zu, als die Schwere des Covid-19-Ausbruchs die Menschen in Scharen in die Lebensmittelgeschäfte lockte, um sich dort mit Vorräten einzudecken. Die Befragten berichteten zudem über einen Anstieg der wöchentlichen Ausgaben für Lebensmittel um 55 Prozent, das Kochen von Abendessen zu Hause an sechs Abenden in der Woche und die steigende Nutzung des Online-Lebensmittelgeschäfts, die wiederum aufgrund der hohen Nachfrage zu auffälligen Verzögerungen bei der Auftragserfüllung führte. Unnötig darauf hinzuweisen, dass US-Amerikaner als passionierte One-Stop-Shopper gelten.

«Die Einkaufs- und Kochgewohnheiten wurden eindeutig durch den Ausbruch des Coronavirus beeinträchtigt. Die Verknappung der Vorräte in Lebensmittelgeschäften, die Schließung von Restaurants und die Notwendigkeit, die Zahl der Einkaufsreisen zu reduzieren, um die Belastung zu begrenzen, verändern das Verhalten, was auch dazu führt, dass mehr Verbraucher Online-Lebensmitteldienste für die Abholung am Straßenrand oder die Lieferung nach Hause nutzen», sagte Forrest Collier, CEO von eMeals. «Da 97 Prozent der Befragten unserer Umfrage angaben, dass sie auch in Zukunft den Online-Lebensmitteleinkauf trotz Verzögerungen oder Stornierungen von Bestellungen weiter nutzen wollen, ist es wahrscheinlich, dass eine der nachhaltigen Auswirkungen dieser Pandemie darin besteht, dass sich die weit verbreitete Einführung des Online-Lebensmitteleinkaufs noch weiter beschleunigt».

Trends im Lebensmitteleinkauf

  • Die Befragten konnten vom 18. bis 23. März gut 40 Prozent der gewünschten Artikel auf ihren Einkaufslisten nicht finden, selbst nach dem Besuch von durchschnittlich zwei Lebensmittelgeschäften.
  • 75 Prozent hatten Schwierigkeiten, Geflügel und anderes Fleisch zu finden. Andere schwer zu findende Lebensmittel waren Brot (31 Prozent), Eier (29 Prozent) und Milch (25 Prozent).
  • Die am häufigsten gelagerten Getränke waren Milch (48 Prozent), Kaffee (44 Prozent), Wasser in Flaschen (34 Prozent) und Soda (23 Prozent). An alkoholischen Getränken lagerten 23 Prozent der Verbraucher Wein, 18 Prozent Bier und 18 Prozent Spirituosen.
  • Mit 253 USD lagen die durchschnittlichen Lebensmittelausgaben in der Woche vom 18. bis 23. März um 55 Prozent über den typischen Wocheneinkäufen der Befragten. Bezeichnenderweise gaben 13 Prozent 400 USD oder mehr aus, während nur ein Prozent angab, dass die Lebensmittelrechnung in einer normalen Woche genauso hoch sei.

Nutzung des Online-Lebensmitteleinkaufs

  • 34 Prozent der Befragten entschieden sich dafür, ihre wöchentliche eMeals-Einkaufsliste an einen Online-Lebensmittelhandels- oder Lieferdienst zu schicken, anstatt zum Lebensmittelgeschäft zu gehen. Mehr als die Hälfte entschied sich für die Abholung oder Lieferung durch Walmart, wobei Kroger und Instacart an zweiter respektive dritter Stelle standen. Dabei wurden Einkaufslisten verwendet, die automatisch von eMeals auf der Grundlage der wöchentlichen Rezeptauswahl des Abonnenten erstellt und mit wenigen Klicks zum Selbsteinkauf verwendet oder an Online-Lebensmitteldienste gesendet werden können.
  • 28 Prozent der Verbraucher, die versuchten, den Online-Lebensmitteleinkauf zu nutzen, stießen auf Verzögerungen oder Stornierungen, die auf eine branchenweite Explosion der Nutzung des Online-Lebensmitteleinkaufs zurückzuführen sind, da die Verbraucher während der Coronavirus-Krise versuchten, ihre Einkaufsreisen einzuschränken.
  • 51 Prozent der Befragten, die Online-Bestellungen aufgegeben haben, mussten zwei oder mehr Tage auf die Lieferung warten, statt der üblichen Erfüllung am selben oder nächsten Tag, was auf eine unzureichende Personalausstattung zurückzuführen ist, um den plötzlichen Anstieg der Nachfrage zu bewältigen.
  • 97 Prozent derjenigen, die Online-Bestellungen aufgaben, planten, trotz verspäteter Lieferzeiten und begrenzter Verfügbarkeit der Produkte, auch in Zukunft den Online-Lebensmitteleinkauf zu nutzen.

Änderungen der Essensgewohnheiten

  • Die Befragten gaben an, in den vergangenen sieben Tagen durchschnittlich sechs Abendessen zu Hause gekocht zu haben, was in scharfem Kontrast zu den 3,8 wöchentlichen Hausmannskost-Abendessen steht, die in einer eMeals-Umfrage aus dem Jahr 2018 berichtet wurden.
  • 57 Prozent versuchen, einfache Mahlzeiten mit einfacheren Zutaten zuzubereiten und dabei auf bereits in der Speisekammer und im Gefrierschrank befindliche Artikel zurückzugreifen, während nur 6 Prozent berichteten, dass sie versuchen, sich angesichts der zunehmenden Bedrohung durch das Coronavirus gesünder zu ernähren.
  • 51 Prozent holten sich Mahlzeiten zum Mitnehmen in örtlichen Restaurants ab, und 15 Prozent ließen sich von einem Service wie DoorDash oder Grubhub beliefern an Abenden, an denen sie nicht selbst kochten – was die anhaltende Abhängigkeit von im Restaurant zubereiteten Speisen widerspiegelt, selbst wenn viele Verbraucher mehr Zeit zum Kochen haben, da sie auf ihr Zuhause beschränkt sind.

Fazit und Lösungsansatz aus europäischer Sicht

Verlässliche Angaben aus dem österreichischen Bäckerhandwerk, dem bundesdeutschen Lebensmittel- Lieferdienst sowie dem bundesdeutschen Lebensmittel-Onlinehandel sind so weit identisch, dass sie sich mit US-amerikanischen Zahlen bedingt vergleichen lassen. Das trifft besonders auf den Anstieg der wöchentlichen Ausgaben für Lebensmittel zu (plus 55 bis 58 Prozent), das konzentrierte One-Stop-Shopping, die Verlagerung der Einkäufe an Lieferdienste sowie in den E-Commerce. Diese Erkenntnisse dürften längst als «gesichert» gelten. In diesem Zusammenhang ebenfalls von Interesse ist die – auch in Europa – bekannte Tatsache, dass viele Leute mit Kochen und Backen immer weniger am Hut haben. Wie drängend das Problem in den USA ist, zeigt sich an den unglaublich vielen Stellenangeboten, die amerikanische Lieferdienste derzeit offerieren.

Immer weniger Menschen können und/oder wollen selbst kochen

Wie sich aktuell dieser Trend in Europa darstellt, speziell in der D-A-CH-Region, können Bäckereien, Konditoreien und andere Marktteilnehmer – abseits der üblichen Schnellkost – noch nicht ausreichend erforscht haben. Jedenfalls präsentiert sich lieferando.de als kulinarische Wüste, die das Potenzial kaum erahnen lässt: Nach Angaben der Statistik betrug der durchschnittliche Bestellwert 2019 in Deutschland bei takeaway.com genau 20,90 Euro inklusive Mehrwertsteuer.

Nicht zu vergessen: Mit der Wahl des E-Commerce-Netzwerks, dem sich Unternehmen früher oder später anschließen, entscheidet jeder Erzeuger und jeder Shopbetreiber mit darüber, in welcher Zukunft wir leben wollen. Amazon und andere bekannte Portale verfügen zwar über eine ausgereifte Infrastruktur und große Reichweite. Doch braucht man das alles? Geht es nicht eine Nummer kleiner und damit näher bei den Menschen in der Region mit ihren Besonderheiten?

Regionale E-Commerce- und Liefer-Netzwerke sind näher bei den Menschen

Der kleingewerbliche Fachhandel in Deutschland hat in den letzten zehn Jahren rund 54.000 Standorte verloren. Jeder Arbeitsplatz, den Amazon schafft, zerstört zwei Arbeitsplätze im regionalen Gewerbe. Immer mehr Geschäfte stehen leer. Die Rolle Amazons in der Transformation müsste dringend geprüft und korrigiert werden. Doch der Handelsverband Deutschland (HDE) hält sich mit seiner Kritik zurück – wohl auch, weil Amazon Deutschland HDE-Mitglied ist. Auch auf europäischer Ebene kommen nötige Korrekturen nur schleppend voran und versinken in der Klientelpolitik. Die Bundesregierung hat dafür überhaupt noch kein Brwusstsein entwickelt und verweist beim Thema Amazon auf Brüssel.

Die Unterstützung regionaler Initiativen mit Servern in Deutschland ist auf den ersten Blick vielleicht mühseliger. Auf die Dauer ist sie aber nachhaltiger und widerstandsfähiger – und kann besser auf regionale Besonderheiten eingehen. Nicht zuletzt dient die Unterstützung regionaler Initiativen der Konformität mit dem hiesigen Datenschutzrecht. Shopbetreiber sind auf der sicheren Seite und bauen mit an einer Zukunft, in der Regionalität wieder mehr Gewicht hat und mehr Vielfalt zulässt.

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