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20161114-TEIGLING

Eine Milliarde USD: Aryzta verbucht Rekordverlust

Zürich / CH. (usp) «Schuster bleib bei deinen Leisten», oder besser: Der Lebensmittelkonzern Aryzta AG besinnt sich wieder auf sein traditionelles Kerngeschäft und verlagert seinen Fokus zurück auf die reine Belieferung von Unternehmen im B2B-Geschäft. Infolgedessen leitet Aryzta den Ausstieg aus dem Einzelhandel ein, nachdem die Großbäcker im Geschäftsjahr 2017 per 31. Juli einen Rekordverlust von gut einer Milliarde US-Dollar eingefahren hatten (908 Millionen EUR = 1’079 Millionen USD).

Der Tiefkühlbäcker Aryzta, der Backwaren in verschiedenen Fertigungsgraden rund um den Erdball an den Lebensmittel- Einzelhandel (LEH), die Gemeinschaftsverpflegung und nicht zuletzt an die (System-) Gastronomie liefert, hatte im Januar eine Gewinnwarnung herausgegeben, die da besagte, dass die Strategie auf dem US-amerikanischen Markt, Erzeugnisse der Marke «Otis Spunkmeyer» direkt an LEH-Kunden zu verkaufen, schlicht nach hinten losgegangen ist.

Diese Gewinnwarnung löschte an jenem Tag im Januar 2017 rund ein Drittel des Aktienwerts des Konzerns mit einem Schlag aus. Radikal.

Inzwischen hat das Unternehmen ein neues Management installiert, um den Turnaround zu schaffen und gab in dieser Woche seine eingangs erwähnte Strategie bekannt – zwei Wochen, nachdem der neue Vorstandsvorsitzende Kevin Toland seine Tätigkeit aufgenommen hat.

«Aryzta hat sich zum Ziel gesetzt, das Umsatzwachstum zu verbessern, in dem sich der Konzern auf seine Kernkompetenzen konzentriert als ein weltweit führendes Unternehmen im B2B-Bereich (Business-to-Business) von Tiefkühlbäckereien und europäischen Lebensmittellösungen», heißt es in einer Stellungnahme zu den Ergebnissen für das Geschäftsjahr 2017.

Aryzta, im angelsächsischen Sprachraum zuvorderst bekannt für sein Sortiment «Cuisine de France» und die Marke «Otis Spunkmeyer», verzeichnete im Geschäftsjahr 2017 per 31. Juli einen Verlust von 907,8 Millionen Euro (1’079 Millionen USD) gegenüber einem Gewinn von 67 Millionen Euro im Vorjahr (79 Millionen USD).

Der genannte Wechselkurs zwischen Euro und US-Dollar nimmt Bezug auf Montag, den 25. September 2017 – Datum der Veröffentlichung der Geschäftszahlen – und ist von uns nach Interbankkurs berechnet.

Der Verlust resultiert im Wesentlichen aus Aufwendungen von rund 860 Millionen Euro für die Abwertung der Geschäfte in Nordamerika und Deutschland. Auf Basis des zugrunde gelegten Werts ging der Jahresüberschuss um 42,5 Prozent auf 179 Millionen Euro zurück.

Die Probleme Aryztas begannen mit der Entscheidung, «Otis Spunkmeyer» Muffins und Kekse direkt an den Einzelhandel zu verkaufen. Gleichzeitig produzierte Aryzta aber auch Konkurrenzprodukte für andere Unternehmen. Die fanden das überhaupt nicht gut. Einige widersprachen Aryztas Eindringen in den LEH, sahen darin Vertragsverletzungen oder was auch immer und kündigten ihrerseits Produktionsverträge mit dem irisch-schweizerischen Konzern.

Der Rückgang des Produktionsvolumens in Nordamerika, die gestiegenen Ausgaben für den Ausbau der Präsenz im Einzelhandel und die gestiegenen Arbeitskosten belasteten den Gewinn, während sich die Otis Spunkmeyer-Produkte nicht so gut absetzen ließen wie ursprünglich erwartet.

Für Nordamerika verbuchte Aryzta eine Goodwill-Abschreibung in Höhe von 492 Millionen Euro, eine Wertminderung in Höhe von 139 Millionen Euro im Zusammenhang mit der Schädigung von Geschäftsbeziehungen infolge des Eindringens in den Einzelhandel und eine Gebühr in Höhe von 126 Millionen Euro im Zusammenhang mit Fertigungsstätten.

Wie die Aryzta AG berichtet, haben etwa 800 erfahrene Arbeiter die im Jahr 2014 erworbenen Cloverhill-Werke verlassen müssen, nachdem eine föderale Prüfung einer dritten Stelle, die das Personal zur Verfügung stellte, eine unzureichende Dokumentation ergeben hatte. Cloverhill liegt im US-Bundesstaat New Jersey.

«Obwohl das Cloverhill-Geschäft seit der Übernahme jeden Monat profitabel war, erlitten diese Standorte im Juni und Juli 2017 Verluste in Höhe von 16,3 Millionen Euro, die das Geschäft auch im Jahr 2018 belasten dürften», heißt es hierzu aus Dublin und Zürich.

Für das am 01. August beginnende laufende Geschäftsjahr rechnet das Unternehmen mit einer aktuellen, besten Schätzung des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände auf Vorjahresniveau, als das Ebitda noch bei 420,3 Millionen Euro lag.

Nachtrag

In einer ergänzenden Meldung teilte Aryzta in dieser Woche mit, dass der Konzern eine neue unbesicherte Refinanzierung von 1,8 Milliarden Euro für fünf Jahre vereinbart hat. Die vollständige Mitteilung des Konzerns zum Geschäftsjahr 2017 unter der Überschrift «Aryzta AG Announces Full Year 2017 Results» finden Interessenten auf bakenet:eu. Hier lässt sich zudem anhand verschiedener anderer Berichte gut nachvollziehen, wie Aryzta in die Krise rutschte. Ebenfalls interessant in diesem Zusammenhang ist der Beitrag «Aryzta AG: Ist die Baustelle größer als gedacht?» von Anfang April dieses Jahrs (Foto: pixabay.com).

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