Montag, 3. Oktober 2022
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Exportbilanz 2021 der österreichischen Lebensmittelindustrie

Wien / AT. (wko) Die vorläufigen Zahlen aus der Exportbilanz der Lebensmittelindustrie für 2021 zeigen ein positives Bild. Sie bestätigen, wie bedeutend der Außenhandel für die rund 200 Unternehmen weiterhin ist. Welche Auswirkungen der Krieg in der Ukraine auf den Export von Lebensmitteln künftig haben wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Klar ist, dass die Folgen des Krieges die österreichische Lebensmittelindustrie schon heute treffen. Auch wenn die aktuelle Lage in Europa von großer Unsicherheit geprägt ist: «Die Versorgung Österreichs mit Lebensmitteln, Futtermitteln und Getränken ist gesichert. Den Konsumentinnen und Konsumenten steht das breite heimische Lebensmittelangebot in gewohnter Menge und Qualität zur Verfügung», betont Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie an der WKÖ Wirtschaftskammer Österreich.

Die Exportbilanz 2021 der österreichischen Lebensmittelindustrie

Die Exporte der heimischen Lebensmittelindustrie legten 2021 mit fast 8,6 Milliarden Euro um 9,4 Prozent zu und waren mit einem Anteil von deutlich über 60 Prozent an den Gesamtagrarexporten wiederum der bestimmende Motor für den kulinarischen Exporterfolg «Made in Austria». «Das ist eine erste erfreuliche Bilanz. Damit schaffte die österreichische Lebensmittelindustrie auch im vergangenen Jahr wiederum Wertschöpfung in Österreich und sicherte Arbeitsplätze – ein ganz wesentlicher Faktor im bereits zweiten Coronajahr», sagt Koßdorff.

Die Gesamtexporte Österreichs (Zollkapitel 1-99) konnten 2021 gegenüber dem Vorjahresvergleich um 16,1 Prozent zulegen. Hebt man davon den Export im Agrar- und Lebensmittelbereich (ZK 1 – 24) heraus, stieg dieser um 9,4 Prozent auf 13,9 Milliarden Euro. Im gleichen Zeitraum wurden Agrarwaren um fast 14 Milliarden Euro importiert (ein Plus von 9,3 Prozent). Dadurch reduzierte sich die traditionell negative Agraraußenhandelsbilanz Österreichs und liegt aktuell bei minus 7,2 Millionen Euro.

Motor für diese Entwicklung waren die Erzeugnisse der Lebensmittelindustrie (ZK 16 bis 24). Diese konnten auch 2021 ihre traditionell positive Außenhandelsbilanz mit + 2,166 Milliarden Euro weiter ausbauen (+252 Millionen Euro gegenüber 2020). Mit anderen Worten: Es wurden auch im letzten Jahr wieder deutlich mehr verarbeitete Lebensmittel exportiert als importiert.

Der Bereich der Agrarwaren tierischen und pflanzlichen Ursprungs (ZK 1 bis 15) weist mit einem Minus in Höhe von 2,173 Milliarden Euro erneut eine negative Außenhandelsbilanz auf, die sich gegenüber 2020 um 244 Millionen Euro verschlechtert hat. Das bedeutet, wir importieren mehr Agrarrohstoffe als wir exportieren. Das ist leicht erklärt: Österreich kann sich selbst nicht ausreichend mit sämtlichen Agrarrohstoffen und Halbfabrikaten über das ganze Jahr versorgen und ist daher auf Importe angewiesen. Auch gedeihen einige Rohstoffen nicht in Österreich, etwa Kakao, Südfrüchte, Reis, Haselnüsse usw. Diese müssen daher eingeführt werden.

EU bleibt wichtigster Markt für heimische Lebensmittel

Die EU bleibt auch 2021 für die österreichische Lebensmittelindustrie der zentrale Exportmarkt: 69 Prozent der heimischen Lebensmittelexporte gehen in die EU (5,9 Milliarden Euro; + 13,4 Prozent gegenüber 2020), 31 Prozent in Drittstaaten (2,6 Milliarden Euro; + 1,4 Prozent). Deutschland ist dabei weiterhin der wichtigste Exportmarkt innerhalb der EU (+ 11,2 Prozent gegenüber 2020). Rückläufig waren hingegen die Lieferungen in die USA (- 20,2 Prozent). Auch die Lebensmittelexporte nach Großbritannien gingen wegen des BREXIT und der damit verbundenen Liefer- und Logistikprobleme zurück (- 10,5 Prozent).

Kostendruck auf die heimische Lebensmittelindustrie verschärft sich dramatisch

Seit Monaten kämpfen die Lebensmittelbetriebe mit einer historischen Kostenwelle, die pandemie- und erntebedingt die Preise für Energie, Rohstoffe und Verpackung in unvorhersehbare Höhe treibt. Damit nicht genug, haben sich Logistik- und Frachtkosten vervielfacht, es gibt Engpässe bei Paletten, Containern und LKW-Fahrerinnen und -Fahrern. Die Lage hat sich nun durch die Folgen des Ukraine-Kriegs nochmals dramatisch verschärft.

Die Folgen des Ukraine-Kriegs treffen auch die heimische Lebensmittelindustrie

Der Krieg in der Ukraine trifft in diesen Tagen auch die österreichische Lebensmittelindustrie. Einige Betriebe sind von dessen Auswirkungen direkt vor Ort betroffen. Die gesamte Branche hat nun mit zusätzlichen Effekten bei Energie, Rohstoffen, Verpackung, Arbeitskräften oder Logistik zu kämpfen (Details dazu unter: oesterreich-isst-informiert.at).

Durch die hohen Erntemengen an Agrarrohstoffen bestimmt die Ukraine die Preisbildung am europäischen Markt wesentlich mit. Das betrifft vor allem Getreide (wie Weizen), Sojabohnen, Obst (wie Äpfel und Beeren) sowie Ölsaaten (wie Sonnenblumen, Mais und Raps). So erreichten die Getreidepreise mit dem russischen Einmarsch in der Ukraine neue Höchststände.

Auch Russland ist ein wichtiges Agrarland und beeinflusst die internationale Preisbildung auf den Getreidemärkten sowie auch bei Erdöl, Gas und Düngemitteln. So haben die Preise für Erdöl und Gas, Strom und Treibstoff nochmals dramatisch angezogen und ein Ende des Aufwärtstrends scheint nicht in Sicht. Das schlägt unmittelbar auf die Kosten der Produktion und des Transports von Lebensmitteln und Agrarrohstoffen, Futtermitteln, aber auch Fleisch durch. Gerade die Preise für Rind- und Schweinefleisch erleben derzeit einen Höhenflug. Die knappen Mengen und gestiegenen Kosten in den Vorstufen sowie eine belebte Nachfrage aufgrund des bevorstehenden Ostergeschäfts und der Grillsaison brachten allein in den vergangenen Tagen deutliche Preisschübe (z. B. haben sich Mastschweine laut Agrarmarkt Austria in den letzten vier Wochen um 33,6 Prozent verteuert). Das bringt die heimische Fleischwarenbranche neben den Verteuerungen bei Energie und Transport weiter massiv unter Druck.

Aktuell entfallen Agrarlieferungen aus der Ukraine. Das hat auf die Versorgung Österreichs derzeit keine Auswirkungen, diese ist gesichert. Aber es verknappt sich dadurch das Angebot am europäischen Markt und das führt wiederum zu einer Verteuerung. Die Hersteller sind gezwungen, auf alternative Beschaffungsmärkte auszuweichen. Auch hat jüngst Ungarn vorläufige Exportbeschränkungen für diverse Agrarwaren festgelegt. «Das ist ein massiver Eingriff Ungarns in den freien Warenverkehr innerhalb der EU, der nicht akzeptabel ist. Es wurde bereits eine Protestnote an die EU-Kommission gesendet», erklärt Koßdorff.

Erdgas: Lebensmittelindustrie steht für rund 10 Prozent des Industriebedarfs

80 Prozent des Erdgases bezieht Österreich aus Russland. Wie es mit den russischen Gaslieferungen weitergeht, ist ungewiss. Die österreichische Industrie insgesamt benötigt rund 40 Prozent der jährlichen Erdgasmenge Österreichs. Auch in der Lebensmittelindustrie sind viele Prozesse energieintensiv und von Gas abhängig – von der Verarbeitung der Rohstoffe bis zum Tiefkühlen fertiger Produkte: Die Branche benötigt rund 3,5 Terawattstunden pro Jahr. Gas als Energieträger für die Produktion kann nicht rasch ersetzt werden, vielmehr ist eine konstante Belieferung für Koch-, Back-, Kühl- oder Abfüllprozesse in der Lebensmittelproduktion unerlässlich. Kommt es im Worst-Case-Szenario zu einer Unterversorgung Österreichs, so haben die Privathaushalte Vorrang beim Gasbezug. Falls die Industrie respektive ihre Vorlieferanten ihre Produktionen drosseln müssen, könnte das in weiterer Folge auch die Herstellung von Lebensmitteln treffen. «Das muss im Interesse der gesicherten Versorgung der Bevölkerung mit ausreichend Lebensmitteln und Getränken in jedem Fall verhindert werden», fordert Koßdorff.

Die Versorgung mit Gas und die Entlastung der Branche haben jetzt Priorität

Die Lebensmittelindustrie zählt zu den versorgungs- und systemrelevanten Branchen in Österreich. «Den Lebensmittelherstellern sowie ihren Partnern und Zulieferern in der Wertschöpfungskette sind im Falle von staatlichen Energielenkungsmaßnahmen die benötigten Mengen an Gas zu gewähren, um die Bevölkerung weiterhin mit Lebensmitteln und Getränken in gewohnter Menge und Qualität versorgen zu können. Oberste Priorität muss jetzt die Vorbereitung und Umsetzung einer nachhaltigen Versorgung mit Erdgas haben», appelliert Koßdorff an die Politik.

Auch fordert die Lebensmittelindustrie, die Branche mit ihren 27.000 direkt Beschäftigten gerade jetzt zu entlasten. Von Zusatzbürden nur für heimische Lebensmittelhersteller durch nationale Alleingänge ist mit Blick auf die kommenden EU-Vorgaben abzusehen, etwa von der Forderung nach einer rein nationalen zwingenden Herkunftskennzeichnung nur für österreichische Betriebe.

«Gerade jetzt in diesen heraufordernden Zeiten muss alle Kraft in die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit unserer österreichischen Lebensmittelindustrie fließen. Denn nur eine starke Lebensmittelproduktion im eigenen Land schafft weiterhin eine gesicherte und verlässliche Versorgung mit heimischen Lebensmitteln und Getränken», sagt Koßdorff abschließend.

Stellenwert der Lebensmittelindustrie in Österreich

Die Lebensmittelindustrie ist eine der größten Branchen Österreichs. Sie sichert im Interesse der Konsumentinnen und Konsumenten tagtäglich die Versorgung mit sicheren, qualitativen und leistbaren Lebensmitteln. Die rund 200 Unternehmen mit ihren 27.000 direkt Beschäftigten erwirtschaften jährlich ein Produktionsvolumen von rund 9,5 Milliarden Euro. Rund 8,6 Milliarden Euro davon werden bereits im Export in über 180 Länder rund um den Globus abgesetzt. Die Branche trägt wesentlich zum Wohlstand des Landes bei: Jeder Euro, der in der Lebensmittelindustrie erwirtschaftet wird, löst 1,23 Euro an Wertschöpfung in anderen Unternehmen aus.

Jeder Arbeitsplatz in der Lebensmittelindustrie bewirkt die Schaffung oder Absicherung von weiteren knapp zwei Arbeitsplätzen in Österreich. In Summe sind mit der Branche rund 150.000 Arbeitsplätze verbunden. 4 von 10 von der Lebensmittelwirtschaft erwirtschafteten Euro fließen über Steuern und Abgaben an den Staat zurück. Für die Landwirtschaft ist die Lebensmitteindustrie der wichtigste Partner und Abnehmer von Rohstoffen. Der Fachverband unterstützt seine Mitglieder durch Information, Beratung und internationale Vernetzung (Foto: pixabay.com).

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