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Gersthofer Gruppe: Auf den Schutzschirm folgt die Insolvenz

20180917-REGENSCHIRM

München. (usp) Die Gersthofer Backbetriebe GmbH, vertreten durch Geschäftsführer Dr. Benedikt Grebner, hatte im September dieses Jahrs vor dem Amtsgericht München den Antrag auf ein Schutzschirmverfahren nach Paragraf 270b InsO gestellt. Die finanzielle Situation besserte sich seither nicht. Im Gegenteil: Wie das Amtsgericht München jetzt mitteilt, hat es am 01. Dezember das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Gersthofer Backbetriebe eröffnet wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Zum Insolvenzverwalter bestimmte das Amtsgericht Dr. Dipl.-Kfm. Max Liebig aus München. Verfahrensbevollmächtigte seitens der Schuldnerin sind die Rechtsanwälte Lambrecht Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB aus Düsseldorf (AZ: 1507.IN.2423/18).

Die Gersthofer Gruppe, seit dem Jahreswechsel 2014/2015 ein Tochterunternehmen der Serafin Unternehmensgruppe, ist im Zuge eines bekannten Trends in finanzielle Schieflage geraten: Hochwertige Backwaren, komplett fertig gebacken und verpackt, werden im LEH immer weniger nachgefragt. Der Trend bei Großkunden und Handelsketten, besonders im Discount, geht zu kostengünstigeren Aufback- Stationen, in welchem die Backwaren, zumeist aus Tiefkühlware, aufgebacken werden. Auch der klassische Bäckerkunde greift immer öfter in die Tiefkühltruhe.

Sonderaufwendungen 2015 führten in die Verlustzone

Was fand Serafin zum Jahreswechsel 2014/2015 in Gersthofen vor? Hatte man die richtigen Leute an die richtigen operativen und strategischen Schaltstellen gesetzt? War man sich der tiefgreifenden Umwälzungen im Backwarenmarkt bewusst? Offensichtlich nicht – oder wenigstens nicht ganz: Sowohl im Risikobericht 2015 als auch 2016 lesen wir, dass sich die Hauptkunden der Gesellschaft aus dem stark konzentrierten Lebensmittel- Einzelhandel rekrutierten / rekrutieren. Den möglichen Wegfall eines solchen Hauptkunden betrachteten die Gersthofer Backbetriebe durchaus als theoretisches Risiko. Ein paar Zeilen später war schon wieder alles vergessen und die Großbäcker gaben zu Protokoll, dass alle bekannten Risiken keine Bestandsgefährdung für die Gersthofer Backbetriebe GmbH erkennen ließen. Mit anderen Worten: Das Unternehmen sah seine Gefährdung nicht. Es hatte keine Instrumente installiert, die es ihm erlaubten, Vorboten früh genug zu erkennen und gegenzusteuern.

Neben dem strategischen Vakuum ist eine gewisse Unruhe in der operativen Geschäftsführung zu erkennen. Das ist wahrscheinlich normal, wenn sich ein Unternehmen weg vom Inhaber-geführten Betrieb hin zur profitablen Einheit innerhalb eines größeren Ganzen entwickeln soll. Im Fall der Gersthofer Backbetriebe heißt das, dass die Unbeständigkeit in der Geschäftsführung durchaus mit zu Fehlentscheidungen und/oder falschen Schwerpunktsetzungen geführt haben kann. Vielleicht war sogar schon das Versprechen Serafins beim Kauf der Gersthofer Gruppe eine Fehlentscheidung, wonach es die Gruppenstruktur nicht antasten wollte/sollte. Was hat man gemacht? Folgende Hinweise gibt uns der Geschäftsbericht 2015:

    Mit Wirkung zum 31.12.2014 hat die Serafin Unternehmensgruppe sämtliche Anteile der Gersthofer Backbetriebe GmbH übernommen und im Wirtschaftsjahr 2015 das Unternehmen am Standort Gersthofen fortgeführt. Im Rahmen dieser Übernahme wurde das ehemals inhabergeführte Unternehmen in die Serafin Unternehmensgruppe integriert. In diesem Zusammenhang kam es, insbesondere im Hinblick auf die Ermittlung des bei der Gesellschaft bestehenden Beratungs-, Optimierungs- und gegebenenfalls Restrukturierungsbedarfs zu Mehraufwendungen, die das Unternehmensergebnis beeinflussten.
    Operativ stand das Jahr 2015 ganz im Zeichen einer umfassenden Sortiments- und Liefer-Regionen-Umstellung. Zeitgleich konnte die Gesellschaft im größeren Umfang zusätzliche LEH-Filialen für die Belieferung hinzugewinnen, was sich langfristig positiv auf den Umsatz auswirken sollte. Zur Sicherstellung einer reibungslosen Begleitung dieser Umstellung wurden in der zweiten Jahreshälfte hohe Sonderaufwendungen in Kauf genommen, unter anderem aufgrund erhöhter Komplexität in den Bereichen Einkauf (insbesondere Verpackungen), Produktion und Versand/Logistik. Diese Sonderaufwendungen beeinflussen zusammen mit den im Rahmen der Integration in die Serafin-Unternehmensgruppe entstandenen Mehraufwendungen das Unternehmensergebnis im Berichtsjahr 2015 erheblich.
    Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2015 weist die Gesellschaft einen Verlust von 1.210 Tausend Euro aus. Wesentliche Einflussfaktoren für das negative Unternehmensergebnis waren die Kostensteigerung im Bereich Material, Personal und bei den Einmalaufwendungen, sowie die Sortiments- und Liefer-Regionen-Umstellung eines großen Kunden.

2016 ganz im Zeichen von Restrukturierung und Optimierung

Die Gersthofer Backbetriebe unterlagen auch 2016 den bekannten konjunkturellen und branchenspezifischen Einflussfaktoren, besonders einer sukzessiven, sich stetig verstärkenden Verschiebung des Frische-Umsatzes hin in Richtung Aufback-Artikel – nachzulesen im Geschäftsbericht 2016. Ein Einzelschicksal ist das allerdings nicht, worauf sich das Unternehmen da beruft und gleichermaßen kundtut, dass es einen gewissen Handlungsdruck nunmehr erkannt hat. Darüber hinaus beeinflussten zwei wesentliche operative und strukturelle Faktoren den Geschäftsverlauf und das Unternehmensergebnis maßgeblich, heißt es im Geschäftsbericht 2016 wie folgt:

    Operativ stand das Jahr 2016 ganz im Zeichen einer tiefgreifenden Restrukturierung und Optimierung der Bereiche Produktion und Logistik, um durch Prozesseffizienz und weitere Kosteneinsparungen wieder positive Ergebnisse erzielen zu können. Diese Optimierung ist erfolgreich abgeschlossen. Zudem wurde kontinuierlich an einer Ausweitung des Kundenstamms gearbeitet, um mit Neukunden vor allem im Aufback-Segment Umsatzwachstum zu generieren. Hier konnten in 2016 attraktive Kunden gewonnen und die Geschäftsbeziehung kontinuierlich vertieft werden.
    Strukturell hat die Gesellschafterin der Gersthofer Backbetriebe GmbH, die Serafin 10. Verwaltungs GmbH, zum 31.05.2016 folgende Änderungen an der Bilanzstruktur der Gersthofer Backbetriebe GmbH veranlasst:

    • Verkauf und Übertragung aller beweglichen Vermögensgegenstände von der Gersthofer Backbetriebe Immobilien GmbH + Co. KG (GBI KG) an die Gersthofer Backbetriebe GmbH (GBB GmbH) im Rahmen eines Asset Deals
    • Verkauf und Übertragung des Grundbesitzes an der Siemensstraße 7 sowie der Gutenbergstraße 1 von der GBI KG an die GBB GmbH
    • Austritt der Gersthofer Backbetriebe Immobilien Verwaltungs GmbH als einzige Komplementärin der GBI KG; sowie
    • Erlöschen der GBI KG ohne Liquidation und Anwachsung des verbleibenden Gesellschaftsvermögens im Rahmen der Gesamtrechtsnachfolge bei der S10.

Schulden drücken und machen unbeweglich

Vielleicht fehlte/fehlt der große Enthusiast an der Spitze der Gersthofer Backbetriebe. Der Motivationstrainer, der jeden Beschäftigten mitreißen und ihn oder sie zu Höchstleistungen anspornen kann. Doch auch das hätte nichts genutzt – weil die Grundvoraussetzungen nicht stimmig sind. Weil die Großbäcker dem Markt in entscheidender Phase eher hinterherlaufen, statt ihm als dynamischer Partner frei von Existenzängsten flexibel antworten zu können. Nicht zuletzt dank der Sonderaufwendungen 2015 hat sich die Bäckereigruppe in eine Lage manövriert, die wenig Raum lässt für kreative Unternehmensführung. Die Gruppe ist an diverse Bankgeschäfte gebunden und muss ihre Gläubiger bedienen.

Zu nicht näher definierten Zwecken ließ Serafin als neue Eigentümerin die Bäckereigruppe hohe Darlehen aufnehmen. Die hier verarbeiteten Auszüge aus den Geschäftsberichten lassen zwar Ahnungen zu, mehr jedoch nicht. Nach neueren Angaben der NGG Bayern, die wir nur vom Hörensagen kennen, stiegen die Verbindlichkeiten im Geschäftsjahr 2017 auf 2,9 Millionen Euro – gut 40 Prozent der Bilanzsumme. So setzt sich ein Teufelskreis in Bewegung: Zins und Tilgung führen zu wiederholten Rationalisierungsrunden, unter deren Einfluss die Freude an der Arbeit langsam schwindet. Die Aufmerksamkeit liegt bei den Geldmitteln, die Monat für Monat zum Abfluss bereitstehen müssen. Kaum noch ein Blick dafür, wofür die Mittel dringender gebraucht würden. Unter diesen Umständen kann ein großer Wurf kaum gelingen.

So schlitterten die Gersthofer Backbetriebe im September ins Schutzschirmverfahren und jetzt in die Regelinsolvenz. Die Zerschlagung ist wahrscheinlich. Von den zwei Vertriebswegen – das Filialnetz «LechBäck» einerseits und der LEH-Lieferant «GretlBrot» andererseits – ist wohl am ehesten das Filialnetz überlebensfähig. In der Annahme, dass ohnehin alle Backwaren aus ein- und derselben Produktion stammen, braucht man auch dieses Netz nicht mehr und verkauft es stückweise an andere Filialisten. Wir werden sehen (Foto: pixabay.com).