Sonntag, 25. September 2022
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Handwerk sucht Hände: ADB-Forum sammelt Tipps für die Praxis

Weinheim. (adb) Die Situation am Arbeitsmarkt ist dramatisch. Nicht wenige Bäckereien müssen Aktivitäten kürzen, weil sie zu wenige Menschen finden, welche die nachgefragte Ware produzieren oder verkaufen. Aus diesem Grund bot die Bundesakademie mit dem Online-Forum «Handwerk sucht Hände» Tipps aus der Praxis. 52 Personen nahmen das Angebot aus Weinheim an.

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Nach einer Einführung durch Akademie-Direktor Bernd Kütscher, welcher die Veranstaltung auch moderierte, präsentierte Nils Vogt vom Zentralverband aktuelle Zahlen zur Situation am Arbeitsmarkt sowie die Ausbildungszahlen im Bäckerhandwerk. Demnach muss mittelfristig sogar mit einem noch deutlicheren Rückgang der verfügbaren Arbeitskräfte gerechnet werden, nicht zuletzt aufgrund des demographischen Wandels.

Volker Schmidt-Sköries von der Kaiser Biobäckerei stellte die Lage in seinem Unternehmen vor, welches nach seinen Angaben ethischen Leitlinien definiert hat und aus diesem Grund keinen Arbeitskräftemangel kennt. Auch der Altersdurchschnitt im Team sei eher niedrig. Hierzu tragen aus seiner Sicht vielerlei Maßnahmen bei, von bezahlten «Mußestunden» während der Arbeitszeit über professionell begleitete Selbstermächtigungsprozesse und vielerlei Weiterbildungsmöglichkeiten bis hin zum Umstand, dass grundsätzlich 30 % des Gewinns als Prämie an die Lieferanten und Beschäftigen ausgeschüttet werden.

Anschließend erklärte Ingmar Krimmer von Krimmers Backstub’ den Teilnehmenden, wie er erfolgreich Quereinsteiger für seine Bäckerei gewinnt. Oft sind dies Akademiker, welche aus der Hobbybäcker-Szene kommen und ihr Hobby zum Beruf machen wollen. Deren Anwerbung gelingt Krimmer unter anderem dank der Aufmerksamkeit durch den eigenen Podcast sowie Backkurse, welche Lust auf Backen machen. Ergänzend empfiehlt er den Online-Gästen die aktive Beteiligung in Facebook-Gruppen von passionierten Hobbybäckern. Dass solche einer speziellen Einarbeitung bedürfen und besonders sorgsam ins Team integriert werden müssen, wurde ebenfalls thematisiert.

Sebastian Däuwel von den Brotpuristen gab im Anschluss viele Impulse, wie er Kunden zu Fans und diese Fans teilweise auch zu Mitarbeitenden macht. Dabei sind seine besonderen Arbeitszeiten zwar ein Plus, insbesondere der gänzliche Verzicht auf Nacht- und Wochenendarbeit. Doch vor allem sei es das Image, die Identifikation mit der Marke und die bei Social Media transportierte Begeisterung, die Sicht von Sebastian Däuwel zum Wunsch beitragen, bei den Brotpuristen arbeiten zu wollen.

Sascha Huth von der Bäckerei Huth, die zum «Ausbilder des Jahres 2021» gewählt wurde, vermittelte Anregungen zur Gewinnung von Lehrlingen, bevor Michael Rothe von der ADB Nord dafür plädierte, teilweise auf die Einsicht in Lebensläufe und Zeugnisse zu verzichten. Gerade bei lernschwachen Jugendlichen bringe das nichts. Hier komme es umso mehr darauf an, täglich kleine Erfolgserlebnisse zu vermitteln, statt Leistungen defizitorientiert zu bewerten. Anschließend wurde die Ausbildung von Flüchtlingen thematisiert, auch was Herausforderungen wie Wohnen, Sprachschwierigkeiten und religiöse Vorgaben angeht, z.B. durch den Ramadan. Hierzu empfahl Michael Rothe den Dialog mit der muslimischen Gemeinde, denn für Jugendliche in der Ausbildung könne es Ausnahmen geben.

Im Anschluss stellte Anabel Görtz von der Bäckerei Görtz ein Chat-Bot System vor, das mit künstlicher Intelligenz arbeitet und das Recruiting mittels Avatar gestaltet. Potenzielle Bewerter gelangen mittels Smartphone und QR-Code auf eine Seite, beantworten dort mündlich Fragen und können ihre Bewerbung danach per Sprachnachricht abschicken. Ein innovatives System, das aber sehr kostenintensiv ist und zudem Grenzen kennt, wie bei der Diskussion im Nachgang festgestellt wurde.

Von Wiebke Langhanke wurde die Welt von Social Media aufgeblättert. Laut der Expertin der Werbegemeinschaft des Bäckerhandwerks nutzt die Generation Z täglich fünf bis sechs verschiedene soziale Netzwerke und hält sich dort stundenlang auf. Werbeanzeigen können die Reichweite einer Bäckerei dort explosionsartig erhöhen, wie anhand von Beispielen demonstriert wurde. Dennoch dürfen die klassischen Recruiting-Instrumente wie Flyer oder Plakate im Fachgeschäft nicht vergessen werden. Ihr Praxistipp: «Führen Sie Vorstellungsgespräche nicht in Personalbüro. Diese Umgebung ist jungen Menschen unbekannt und sie fühlen sich dort nicht wohl. Nutzen Sie besser Ihren Cafébereich.»

Zum Abschluss zeigte Prof. Dr. Tim Weitzel von der Universität Bamberg die dramatische Entwicklung von der Alterspyramide zum «Alters-Döner». Daher reiche es nicht mehr, Netze auszuwerfen, um anonyme Bewerber zu fangen. Vielmehr sollten Mitarbeiter und Kunden bei der Suche aktiv mit eingebunden werden, in Form eines professionellen Empfehlungsmanagements: «Dazu gehört die aktive Einbindung bei der Suche, aber auch ein wertschätzendes Dankeschön, wenn es auf Basis einer Empfehlung aus dem Team zur Einstellung gekommen ist», so Prof. Weitzel. Anschließend gab er konkrete Praxistipps für das Employer Branding («Make/bake a difference») und für das Onboarding, also die sensible Einarbeitungsphase.

Die Teilnehmenden beim Weinheimer Online-Forum «Handwerk sucht Hände» kamen zum Abschluss gemeinsam zur Erkenntnis, dass beim Recruiting noch viele Möglichkeiten und Chancen bestehen. Angesichts der Lage und Aussichten gilt es diese dringend zu nutzen. Nachdem die Veranstaltung von den Online-Gästen bestens bewertet und als außerordentlich hilfreich eingeschätzt wurde, erwägt die Bundesakademie Weinheim, die wichtigsten Erkenntnisse hieraus nochmals in Kurzform in Form eines Nachmittags-Webinars zu platzieren. Interessenten werden gebeten, sich per E-Mail an info@akademie-weinheim.de zu melden (TitelFoto: pixabay.com – TextFoto: ADB Weinheim).

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