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20180127-HEIMATT-LOKKA

Heimatt Løkka: Ikea und Tine testen Café-Konzept

Oslo / NO. (eb) Nur mal angenommen, eine bundesweit bekannte Marke für Milchprodukte und eine (mindestens) ebenso bekannte Marke für Einrichtungsgegenstände würden sich zusammentun und gemeinsam ein Frühstückscafé eröffnen. Wie hoch wären die Chancen einzuschätzen, dass der Laden «läuft» und zum Prototypen eines erfolgreichen Konzepts wird?

Dass es sich hierbei nicht um eine spekulative Milchmädchenrechnung handelt, sondern Hand und Fuß hat, beweist das «Heimatt Løkka» in Norwegens Hauptstadt Oslo. Irgendwann im Herbst 2017 an Oslos Grünerløkka eröffnet, sollte bis Weihnachten eigentlich wieder Schluss sein mit dem Pop-up-Frühstückscafé von Ikea und Tine. Doch ist das Café immer noch da und wird wohl mindestens bis Ostern 2018 bleiben, denn mittlerweile räumen die Akteure ein, dass das Pilotprojekt so erfolgreich ist, dass es in anderen (Studenten-) Städten vervielfältigt werden kann.

Das Konzept von «Heimatt Løkka»

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen. So hebt zum Beispiel «Smaken av Oslo» – einerseits – durchaus wohlwollend die vielen kleinen Gerichte auf der Speisekarte hervor, fragt sich andererseits aber auch, weshalb die jeweils verwendeten Tine-Produkte darauf so deutlich hervorgehoben werden müssen. Ein bisschen aufdringlich sei das schon. Schließlich hänge man auch nicht an jede Tasse ein Schild, dass die von Ikea kommt. Auch an Stühlen, Tischen oder Sofas seien solche Etiketten nicht zu finden.

Außerdem habe man in der Pressemitteilung gelesen, dass Heimatt ein «anderes» Café sein will, dass es Alt und Jung besser zusammenbringen und für den Service bevorzugt Senioren einstellen will (… stimmt, haben wir auch gelesen!). Da müsse man noch mal nachhaken bei Tine und Ikea nach deren Definition für Senioren. «Smaken av Oslo» hat nach eigenem Bekunden jedenfalls nur Servicekräfte «um die 30» entdecken können. Andererseits: So ein Pilotprojekt wird geplant und in die Welt gesetzt. Das Werben Projekt-konformen Personals ist eine Variable, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in Norwegen eine mit Risiken behaftete Unbekannte sein dürfte. Vielleicht hatten die Vorzeige-Senioren auch nur gerade Frühschicht, Spätschicht oder Mittagspause.

Zurück zum Konzept, das sich mit Studenten-freundlichen Preisen, einer unprätentiösen Auswahl an Speisen und Ikea-Gemütlichkeit von morgens bis abends an Studierende (Auszubildende, Schüler… ) wendet. Das Studentenleben in der Großstadt kann schließlich ziemlich hart sein und es gibt Bedarf für einen Ort oder mehrere Orte, wo die jungen Leute kommen können wie sie sind. Es geht nicht um Wohnraum-Knappheit allein. Steigende Mietpreise, zu wenig Möbel und volle Lesesäle sind ein bekanntes Problem in vielen Studentenstädten. Das greift «Heimatt Løkka» auf und will durch Bereitstellung eines eigenen Leseraums nicht nur Kommunikation+Café bieten, sondern auch Konzentration+Arbeitsumfeld.

Was ist Zuhause? Was Heimat? Die Nachbarschaft, das Stammcafé oder das Fitnesscenter sind heute zunehmend Teil des erweiterten Heims. Deshalb sei es wichtig und spannend, mit Orten zu experimentieren, die Studienmöglichkeiten schaffen und das Gefühl geben, auch im Café zu Hause zu sein. In diesem Sinn soll Heimatt ein anderes Café sein, was sich auch bei der Auswahl der Mitarbeitenden widerspiegeln soll. Den Service sollen Senioren führen, damit ein Treffpunkt zwischen Alt und Jung entsteht – etwas mehr Sicherheit, Wärme und Gemütlichkeit für den Nachwuchs an einem Ort (Großstadt), der oft genug nur die kalte Schulter zeigt.

Die Akteure hinter «Heimatt Løkka»

Tine und Ikea könnten locker ganz Skandinavien mit Milchbars oder/und Frühstückscafés bestücken. Das Konzept könnte auch in unseren Breiten auf Interesse stoßen, sofern jemand danach fragt. Die gastronomische Kompetenz, das Know-how und die Mittel sind jedenfalls vorhanden. Die Unternehmen im Überblick:

«Tine» in Norwegen

Tine SA ist ein norwegischer Lebensmittelkonzern, der hauptsächlich Milchprodukte erzeugt und verkauft. Hauptabsatzmarkt ist Norwegen. Gegründet 1928, kennt jedes norwegische Kind «Tine». Die genossenschaftlich strukturierte Gruppe zählt 11’400 Mitglieder respektive Eigentümer sowie 9’000 landwirtschaftliche Betriebe (cooperative farms). Die außerordentliche Akzeptanz, die «Tine» in Norwegen und darüber hinaus genießt, hängt eng zusammen mit dem Genossenschaftswesen, das der Konzern seit seiner Gründung als «Norske Meieriers Eksportlag» pflegt. Bis in die 1990er Jahre hinein war Tine auf dem norwegischen Markt quasi Monopolist – ohne dass das jemanden großartig gestört hätte.

Das hat sich seither geändert. Norwegens Verbraucher kennen heute deutlich mehr Milchprodukte als noch vor 30 Jahren. Auch der Konzern sah sich gezwungen, sein Sortiment deutlich stärker an den Kundenwünschen auszurichten und zählt heute mehr als 200 verschiedene Produkte. Zudem baute Tine erfolgreich internationale Aktivitäten auf in Schweden, Dänemark (Wernersson Ost AB), Großbritannien (Norseland Limited), Kanada und den USA (Norseland Inc., Illchester Cheese Company). In Skandinavien und diversen europäischen Ländern sind zudem eine Ostecompagniet AS für Käse, eine Diplom-Is AS für Speiseeis sowie eine Fjordland AS tätig. Fast alle genannten Firmen sind 100-prozentige Tochtergesellschaften der Tine SA. Nur an der Fjordland AS hält der Konzern lediglich eine 51-prozentige Beteiligung. In Deutschland ist «Tine» (noch) kaum bekannt.

Den Gesamtumsatz 2016 weist der Konzern mit 22’569 Millionen Norwegischer Kronen (NOK) aus, was in etwa 2’357,7 Millionen Euro entspricht. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) beträgt 1’962 Millionen NOK oder 204,97 Millionen Euro.

Ikea Food Service

Zuverlässige Geschäftszahlen zum Global Player «Ikea Food Services AB» herauszufinden, die nicht im Geschäftsbericht der Ikea Gruppe verschwinden, ist eine Sisyphus-Arbeit. Der Grund: Die Ikea-Gastronomie und der Ikea-Shop für schwedische Lebensmittel sind für das Möbelhaus zentrale Marketing-Instrumente. Auch wenn es keine expliziten weltweiten Umsatzzahlen gibt, kann man doch wenigstens auf ikea.com nachlesen, weshalb Jobsuchende im Ikea Food Service arbeiten sollen: «Das Ikea Restaurant und der Schwedische Lebensmittelmarkt sind die beiden Elemente, die zusammen Ikea Food Services (kurz IFS) ausmachen. Beide ermutigen die Menschen, den Ikea Möbelmarkt zu besuchen und dort mehr Zeit zu verbringen – und unterstützen so den gesamten Verkauf von Einrichtungsgegenständen».

Neben dem «Restaurant» und dem «Schwedenshop» kennen wir in Deutschland noch das «Bistro». Längst hat sich der Erfolg der Ikea Gastronomie verselbständigt und irgendwo auf ikea.com haben wir noch die Zahl aufgeschnappt, nach der das schwedische Möbelhaus oder besser seine «Ikea Food Services AB» weltweit rund 650 Millionen Gäste per Anno verköstigt. Es werden zwar «nur» 650 Millionen Bons sein, doch auch die muss man erst einmal toppen…

Ikea Gruppe

Im Geschäftsjahr 2017, das bei den Schweden am 31. August endete, zählte die Gruppe 403 Möbelmärkte weltweit, 936 Millionen Möbelmarkt-Besuche, 2,3 Milliarden Website-Besuche, 194’000 Mitarbeitende sowie einen Handels- und Dienstleistungsumsatz von 38,3 Milliarden Euro netto.

Inter Ikea Gruppe

Die Inter Ikea Holding B.V. setzt sich aus drei Divisionen zusammen: Franchise (Inter-Ikea Systems B.V.), Sortiment + Logistik (Ikea of Sweden AB, Ikea Supply AG) sowie Industrie (Ikea Industry AB). Die wichtigsten Aktivitäten befinden sich in den Niederlanden (Franchise), in Schweden (Sortiment) und in der Schweiz (Logistik). Die meisten Industrie-Aktivitäten (Fertigungswerke) sind in Polen zu finden. Im Geschäftsjahr 2017 zählte die Inter Ikea Gruppe 9’500 Produkte im Sortiment, 24 Verkaufsbüros, 1’000 Möbellieferanten in 51 Ländern, 40 eigene Fertigungswerke sowie rund 28’000 Mitarbeitende (Foto: Heimatt Løkka / Inger Marie Grini).
 


Aus aktuellem Anlass: Über Ikea Gründer Ingvar Kamprad

Der Gründer von Ikea und Ikano und eine der größten Unternehmerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, Ingvar Kamprad, ist am 27. Januar 2018 in seinem Haus in Smaland, Schweden, nach kurzer Krankheit verstorben. Er wurde 91 Jahre alt.

Ingvar Kamprad wurde 1926 in Südschweden geboren. Bereits im Alter von nur 17 Jahren gründete er Ikea – das Unternehmen, das ihm eine lebenslange Verpflichtung sein sollte. Sein stärkster Antrieb war stets die Vision, den vielen Menschen einen besseren Alltag zu schaffen.

«Wir sind tieftraurig über Ingvars Tod. Sein unbedingtes Bekenntnis auf der Seite der vielen Menschen zu stehen werden wir immer in Erinnerung behalten. Genauso wie seine Eigenschaft nie aufzugeben, seinen stetigen Wille zur Verbesserung und sein Credo, durch das gute Beispiel zu führen», sagt Torbjörn Lööf, CEO und Präsident der Inter Ikea Group.

Ingvar Kamprad war ein großer Unternehmer und ein typischer Südschwede: hart arbeitend und ein bisschen stur, mit großer Wärme und einem verspielten Zwinkern im Auge. Er hat bis zum Ende seines Lebens gearbeitet und ist seinem Motto bis zum Schluss treu geblieben: das Meiste ist noch nicht getan.

Schon 1988 hatte sich Ingvar Kamprad aus dem operativen Geschäft des Ikea Konzerns zurückgezogen, doch auch danach hat er seine Erfahrung und Energie weiter eingebracht und zum Erfolg von Ikea als Seniorberater beigetragen.

«Wir betrauern den Verlust unseres Gründers und guten Freundes Ingvar. Wir werden sein Vermächtnis bewundern und bewahren und seine Vision, den vielen Menschen einen besseren Alltag zu schaffen, wird uns weiterhin leiten und inspirieren in allem, was wir tun», sagt Jesper Brodin, CEO und Präsident der Ikea Group.

«Ingvars umfassendes Wissen und sein außergewöhnliches Engagement über so viele Jahre waren eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Sein Erbe wird uns immer begleiten und wir werden damit fortfahren, kontinuierlich nach neuen und besseren Wegen zu suchen – um Lösungen zu finden, an die zuvor noch niemand gedacht hat und um weiterhin großartige Dinge für die vielen Menschen zu erreichen», sagt Lars Thorsén, CEO der Ikano Group.

Seine Familie und alle Mitarbeitenden von Ikea und Ikano werden Ingvar Kamprad vom Hof Elmtaryd im Dorf Agunnaryd vermissen und in bester Erinnerung behalten, heißt es im letzten Gruß aus Smaland, Südschweden.