Montag, 2. August 2021
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Hochwasser und Überschwemmung: Zeit zum Handeln ist jetzt

Bremerhaven. (eb) Nüchtern betrachtet: In Sachen Hochwasserrisiko verlassen sich die Deutschen gerne auf Vater Staat. Die Vergangenheit gibt ihnen mit dieser Erwartung auch recht, schreibt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft: Bei den letzten großen Hochwassern, 2002 und 2013, hat der Steuerzahler zahlreiche Schäden beglichen. In beiden Jahren stand eine Bundestagswahl kurz bevor. Auch 2021 ist ein Wahljahr. Sowohl Bundes- als auch Landespolitik sicherten den Opfern in Nordrhein- Westfalen und Rheinland-Pfalz umgehend eine ähnliche Hilfe zu wie den Geschädigten von 2002 und 2013.

Nicht falsch verstehen: Angesichts des Ausmaßes gibt es keine Alternative zu den umfangreichen Ankündigungen. Eine Welle der Hilfsbereitschaft rollt durchs Land und die wohlgesetzten Reden von Bundespräsident, Landesvater NRW und Landesmutter RLP sind zunächst darauf ausgerichtet, die Trauer zu lindern und aufgewühlte Seelen zu beruhigen. Wer plötzlich und ohne Vorwarnung vor dem Nichts steht, muss das Leben aus einer anderen Perspektive wahrnehmen. Als «nur ein halber Mensch» kommt sich schon vor, wer seine Brieftasche oder sein Smartphone verliert. Wie kommen sich Menschen vor, die ihr Dach über dem Kopf verlieren? Deren Leben durchnässt unter Schlamm begraben liegt? Deren Lebenswerk im wahrsten Sinn des Wortes den Bach runtergeht?

Kein Zweifel: Es gibt keine Alternative zu schneller Soforthilfe und umfassender Aufbauhilfe.

Klimawandel ist ungemütlich und teuer und wartet nicht auf die Politik

Andererseits: Wie viele Jahre müssen noch ins Land gehen bis wir verinnerlichen, dass die Gefahr weniger von den großen Strömen als den kleinen Nebenflüssen ausgeht? Wie lange müssen wir noch über Klimawandel reden, bevor sich Entscheidendes tut? Selten war der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Naturkatastrophe so offensichtlich, wie jetzt in NRW und RLP. Der Wandel ist spürbar. Er ist ungemütlich und teuer und wartet nicht auf die Politik. Damit er nicht noch teurer wird als unbedingt nötig, gehören Katastrophenkonzepte auf den Prüfstand, müssen Zukunftsszenarien optimiert werden, und müssen vor allem die Anstrengungen für den Klimaschutz besser ins Hier und Jetzt integriert werden.

Eine der größten Gefahren für Europa: Der Jetstream schwächelt

Selten war der Zusammenhang von Wetterextrem und Klimakrise so offensichtlich. Es wurde schmerzhaft deutlich: Schmilzt das Eis der Arktis immer weiter dahin, betrifft das nicht nur Eisbären und Walrosse, sondern bedroht uns alle, schreibt der WWF Deutschland und nennt das Unglück in NRW und RLP einen Weckruf der Natur. Die Meteorologen sind sich demnach einig, dass Extremwetterlagen mit Starkregen – wie in den letzten Wochen – auf ein Schwächeln des Jetstreams zurückzuführen sind. Wir sind gewohnt, dass Westwind die Tiefdruckgebiete zügig über Mitteleuropa hinweg weht. Durch das Schmelzen des Eises verliert dieser Wind jedoch an Kraft, und es kommt zu trägen Wetterlagen, wie zum Beispiel jetzt mit lang andauernden Regenfällen oder in den letzten Jahren mit zu langen Trockenperioden.

Das Wetter wird ungemütlicher. Die Daten des Deutschen Wetterdiensts zeigen eindeutig, dass Starkregenereignisse mit Niederschlägen deutlich zugenommen haben. Studien zeigen, dass sich Extremwetterereignisse wie Dürren, Stürme, Brände und Überflutungen seit Beginn der 1990er Jahre verdoppelt haben. Steigende Temperaturen lassen mehr Wasser verdunsten, und es kommt zu stärkeren Niederschlägen. Eine physikalische Gesetzmäßigkeit, die wir von zunehmenden Unwettern und Wirbelstürmen aus anderen Teilen der Welt bereits kennen.

Die Politik von gestern über Bord werfen und endlich handeln

Auch wenn Deutschland rein rechnerisch nur zu zwei Prozent auf die klimatischen Veränderungen Einfluss nehmen kann: Wir müssen daraus Konsequenzen ziehen. Es geht nicht darum, das Leid der Menschen zu instrumentalisieren oder darum, den Argumenten der Versicherungswirtschaft bedingungslos zu folgen. Es geht darum, Konsequenzen endlich zu ziehen. Alles andere wäre fahrlässig und kaum noch zu stemmen.

Die nächste Bundesregierung muss Klimaschutz und Energiewende mutig angehen, fordern WWF Deutschland und andere Interessengruppen längst. An Maßnahmen zählen dazu: die Rahmensetzung für ein Jahrzehnt der Umsetzung durch Anhebung des Minderungsziels auf 70 Prozent bis 2030 und Anpassung der Sektorenziele im Bundesklimaschutzgesetz, massive Tempoerhöhung beim Ausbau der Erneuerbaren Energien auf einen Anteil von 80 Prozent am Bruttostromverbrauch bis 2030 und eine Strategie für den Ab- und Umbau aller klima- und umweltschädlicher Subventionen. Selbstverständlich gehört auch die hinlänglich bekannte Erkenntnis dazu, dass Flüsse und andere Gewässer mehr Raum benötigen.


Ergänzung vom 22.07.2021: Nachdem das ganze Ausmaß des Unglücks bekannt ist, das nicht nur Regionen in Deutschland, sondern auch in Österreich, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden getroffen hat, sind die Aufräumarbeiten in vollem Gang. Die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft sind riesengroß. Gleichzeitig entwickelt sich eine politische Diskussion, die sachlich zu erörtern versucht, wo und weshalb der Katastrophenschutz in Deutschland in Teilen versagt hat. Schnelle Antworten gibt es nicht. Doch es scheint sicher zu sein, dass Vorsorge auch eine Sache der (Bewusstseins-) Bildung ist. Unter anderem müssen wir besser lernen, Warnungen ernst zu nehmen und danach zu handeln.