Freitag, 23. April 2021
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Kanada: Lebensmittelbranche befindet sich im Wandel

Toronto / CA. (gtai) Die kanadische Nahrungsmittelindustrie bleibt auf Wachstumskurs. Der wertmäßige Absatz von lokal gefertigten Lebensmitteln ohne Getränke verzeichnete in den ersten vier Monaten 2016 ein Plus von fast fünf Prozent auf rund 31 Milliarden Kanadische Dollar (CAD; 21 Milliarden Euro; 0,69 Euro = 1 CAD) gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Branche wächst damit schneller als im letzten Jahr, als der Umsatz gegenüber 2014 um drei Prozent auf 83 Milliarden CAD zulegen konnte, berichtet Germany Trade + Invest (GTAI).

Absatz von lokal gefertigten Nahrungsmitteln in Kanada (in Millionen CAD)

Kategorien 2014 2015 2016 (01-04)
Fleisch und Fleischerzeugnisse 26,4 26,8 8,9
Milch und Milcherzeugnisse 17,1 17,0 5,7
Getreide und Ölsaaten 9,9 9,4 3,3
Backwaren 8,2 8,8 2,9
Obst und Gemüse 7,3 7,1 2,4
Fisch und Meeresfrüchte 4,4 5,1 1,1
Süßwaren 3,9 3,9 1,2
Sonstige 3,8 5,2 5,7
Insgesamt 81,0 83,2 31,2

Quelle: Statistics Canada 2016

Auch in Nahrungsmittelsegmenten, deren Absatz in den letzten Jahren nur moderat gewachsen oder stagniert ist wie Fleischerzeugnisse und Molkereiprodukte, legte die Nachfrage zwischen Januar und April 2016 mit sechs Prozent deutlich zu. Nach Einschätzung des Canadian Meat Council geht der Fleischverzehr pro Kopf in Kanada zwar weiter zurück. Der wertmäßige Absatz ist hingegen konstant, da die Kunden bereit sind, für qualitativ höherwertige Ware tiefer in die Tasche zu greifen. Die Nachfrage nach Biofleisch und regionalen Produkten konnte in den vergangenen Jahren entgegen dem allgemeinen Trend zulegen.

Bioerzeugnisse sind inzwischen das Produktsegment mit den höchsten Zuwachsraten im Einzelhandel. Laut einer Studie der Canada Organic Trade Association (COTA) belief sich das kanadische Marktvolumen für Biolebensmittel 2015 auf insgesamt vier Milliarden CAD. Für 2016 rechnet der Verband mit einem Umsatz von mehr als 5 Milliarden CAD. Schätzungsweise 58 Prozent der Haushalte greifen regelmäßig bei diesen Produkten zu. Den größten Anteil am Umsatz haben Obst und Gemüse mit 40 Prozent.

Die Biobranche dürfte daher überproportional vom Trend zum vermehrten Verzehr von Obst und Gemüse profitieren. So liegt der Anteil der Kanadierinnen, die fünf und mehr Portionen Obst und Gemüse pro Tag verzehren, inzwischen bei fast 50 Prozent, bei den Kanadiern waren es laut Statistics Canada 2014 immerhin noch 32 Prozent. Verantwortlich hierfür ist neben Gesundheitsaspekten auch die Vermarktung von pflanzlichen «Trendprodukten» wie Grünkohl, Mangold und Seegras.

Der Trend hin zu gesünderer Ernährung dürfte sich angesichts der demografischen Entwicklung weiter verstärken. Die Zahl der Kanadier über 65 Jahre wird in den nächsten Jahren schneller wachsen als die Gesamtbevölkerung. Während diese 2014 um rund 1 Prozent zunahm, verzeichnete die Alterskohorte ab 65 ein Plus von 3 Prozent. Damit wächst auch die Nachfrage nach «Functional Food» und Nahrungsergänzungsmitteln.

Produktangebot passt sich der wachsenden Zahl der «Ethnic Shopper» an

Wegen seiner liberalen Einwanderungspolitik dürfte bis zum Jahr 2035 die Zahl der Konsumenten von heute 35 Millionen auf mehr als 40 Millionen ansteigen. Laut Statistics Canada wird bis 2035 jeder dritte Kunde ein «Ethnic Shopper» sein, also über einen von Nordamerika abweichenden kulturellen und kulinarischen Hintergrund verfügen. Das Lebensmittelangebot wird sich den veränderten Bedürfnissen der Kunden weiter anpassen. Der Markt für Halal-konforme Produkte dürfte besonders stark wachsen, da die Zahl der Muslime in Kanada im Schnitt um 13 Prozent per annum steigt.

Ein weiterer Trend, der sich in den kommenden Jahren verfestigen dürfte, ist der Verzehr von regionalen Erzeugnissen. Vor allem in den kanadischen Ballungszentren kaufen immer mehr Konsumenten auf Wochenmärkten, die sich auf regionale Produkte spezialisieren, ein. Die großen Lebensmittelkonzerne versuchen, auf diesen Zug aufzuspringen und erweitern ihre Angebotspaletten um Produkte aus nachhaltiger und regionaler Erzeugung.

Kanadas Konsumenten fragen verstärkt Lebensmittel und Getränke nach, die «artisan» oder «craft» hergestellt und beworben werden. So werden Produkte bezeichnet, die traditionell- handwerklich und eher in kleineren Mengen von unabhängigen Anbietern aus der Region hergestellt werden. Craft-Erzeugnisse finden sich vor allem bei Käse, Backwaren und alkoholischen Getränken. Die Anbieter werden dabei häufig von der Regierung bei der Herstellung und Vermarktung gezielt unterstützt.

So können zum Beispiel die Anbieter von «Craft-Cider», der zu 100 Prozent aus Äpfeln aus der Provinz Ontario hergestellt wird, seit kurzem ihre Produkte in Supermärkten anbieten. Bislang dürfen alkoholische Getränke nur über die staatlich lizenzierten Händler des «Liquor Control Board of Ontario» (LCBO) sowie über die «Beer Stores» vertrieben werden. Letztere müssen zum Beispiel auch 20 Prozent der Regalfläche in ihren Filialen für Produkte von Craft- Brauereien reservieren.

Kanadische Einfuhr von Lebensmitteln legte 2015 um 10 Prozent zu

Kanada ist auch für ausländische Lebensmittelproduzenten ein interessanter Markt. Die Einfuhr von Nahrungsmitteln verzeichnete 2015 ein Plus von zehn Prozent auf 41 Milliarden CAD. Kanada bezieht vor allem Obst und Gemüse, Getränke, Getreideprodukte sowie Fleischerzeugnisse im Ausland. Zwei Drittel der Lebensmittelimporte stammen aus den USA. Weitere wichtige Lieferländer sind die VR China, Thailand, Brasilien und Italien. Die Bezüge aus Deutschland verzeichneten 2015 einen Rückgang um neun Prozent auf 357 Millionen CAD. Kanada importiert vor allem alkoholische Getränke, Backerzeugnisse sowie Kakaoprodukte aus Deutschland, berichtet Germany Trade + Invest (GTAI).