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KEB: Was uns die Grüne Woche 2020 zu denken gibt

München. (keb) Die Internationale Grüne Woche in Berlin hat zum 85. Mal ihre Tore geöffnet. 10 Tage lang sind Traditionen und Innovationen in der Grünen Branche und dem Lebensmittelsektor für die Verbraucher erlebbar. Derweil demonstrierten am Eröffnungswochenende auf den Straßen Berlins zwei unterschiedliche Lager für ihre Interessen: «Agrarwende anpacken» fordert das Bündnis «Wir haben es satt», während die Initiative «Land schafft Verbindung» gegen neue Dünge- und Umweltauflagen protestiert und für ein Überleben auf den Höfen kämpft. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner brachte es auf den Punkt: «Das eine sind nicht pauschal Ackerfabriken und Umweltverpester, und die anderen sind auch nicht die grünen Spinner.» Das Menschenrecht auf Nahrung, welches die Ministerin richtigerweise anmahnt, wird wohl von keinem der beiden Lager angezweifelt. Nur in der Frage, wie man dies sichert, unterscheiden sich die Geister. Sicher ist nur eins: Mit Agrarromantik wird man die fast 7,8 Mrd. Menschen auf unserem Planeten ebenso wenig ernähren können wie mit einer Wirtschaftsweise, die dabei ist, sich ihrer eigenen Lebensgrundlagen zu berauben.

Aus der Sicht des Kulinarischen Erbe kann der Ausweg aus diesem Disput nur darin liegen, aus der Vergangenheit zu lernen, um den zweifelsohne notwendigen technischen Fortschritt zum Wohle aller einzusetzen. Im Klartext: Fehler der Vergangenheit – auch der jüngsten – vermeiden, aber unbedingt das Bewahrenswerte in die Zukunft führen. Es gilt zu verhindern, dass traditionelle, überlieferte Ernährungsstrukturen irreversibel «wegmodernisiert» oder/und verdrängt werden. Denn wenn wir nicht wissen, warum ursprünglich etwas auf eine bestimmte Art gemacht wurde, fehlt uns auch die Einsicht in dessen Wert und in die Notwendigkeit, dies zu bewahren. Wir müssen Vorsorge treffen, damit die umweltschonende Erzeugung wertvoller regionaler Agrar-Rohstoffe und die Fähigkeit, hieraus schmackhafte Nahrungsmittel herzustellen, nicht verloren gehen. Urtümliches Kochen ist kreatives Kochen, welches uns vor Eintönigkeit und Automatismus bewährt – beides wäre in einem so emotionsbeladenen Bereich wie dem Essen höchst bedauerlich.

Natürlich haben wir zur Kenntnis zu nehmen, dass moderne Produktions- und Verarbeitungsverfahren eine schier unüberschaubare Bandbreite von Lebensmitteln und Geschmacksrichtungen hervorgebracht haben. Und es kann auch nicht bestritten werden, dass darüber hinaus auch Haltbarkeit, Nährstoffgehalte und Gesundheitswert vieler Lebensmittel durch moderne Verfahren und Techniken positiv beeinflußt werden. Gleichzeitig drängt sich jedoch bei so mancher Innovation die Frage nach der Sinnhaftigkeit auf. Leider: Zeitnot, Hektik und Rastlosigkeit bestimmen vielfach unser Leben. Dennoch: Ist es nicht zu kurz gedacht, wenn Bequemlichkeit in der Zubereitung und im Konsum zum dominierenden Entscheidungsfaktor für das Einkaufsverhalten wird? Hat nicht Essen sehr stark etwas mit unserer persönlichen Identität – sprich unserer Wertehaltung und unserer grundsätzlichen Lebenseinstellung zu tun? Man muss kein Anhänger der Urban Foodie-Bewegung sein, um das zu bejahen.

Wir können auf einen schier unerschöpflichen kulinarischen Reichtum zurückgreifen, der über viele Generationen gepflegt und vermehrt wurde. Bei manchem verhält es sich wie bei der landwirtschaftlichen Produktionsweise: Ein Kind der Not, weil die Zeiten nichts Besseres zuließen, verbunden mit viel Mühsal und Entbehrung. Verständlich, dass der Slogan «Zurück in die Zukunft» genau dies nicht meint. Vieles jedoch ist es wert, in die Zukunft geführt zu werden. Hier lohnt es sich, zurückzuschauen, was alles da ist und wie man es früher gemacht hat, um vorsichtig und behutsam hier und da eine Anpassung an die moderne Zeit vorzunehmen. Wenn wir so Tradition und Moderne miteinander verknüpfen, werden wir alle gewinnen.

Und noch eines erfordert unser Augenmerk: Es gilt, unser kulinarisches Erbe davor zu bewahren, von Food-Konzernen oder Werbeagentur «missbraucht» zu werden. Wir alle erleben tagtäglich, wie gern tradierter Werte hergenommen werden, um im Sinne des «Brain-View» Verkaufserfolge zu erzielen. In Wahrheit aber haben die so beworbenen Produkte sehr wenig oder gar nichts mit den «alten Werten» zu tun. Lassen wir das ungehindert zu, wird sehr schnell die Klarheit und Reinheit des kulinarischen Erbes und damit ein Teil unserer Identität verlorengehen.

Über den Autor: Dr. Wolfgang Filter, Geschäftsführer des eingetragenen Vereins «Kulinarisches Erbe Bayern», ist gelernter Landwirt und hat Agrarökonomie und Volkswirtschat studiert. Er war drei Jahrzehnte Geschäftsführer und Hauptgeschäftsführer des Landesinnungsverbands für das bayerische Bäckerhandwerk und hat die bayerischen Ernährungshandwerke in mehreren Arbeitsgremien und Beiräten von Organisationen der Bayerischen Staatsregierung vertreten.