Freitag, 23. Februar 2024
Deutsch Englisch

Lebensmittel: EU-Kommission gibt Bundeskartellamt Kontra

Brüssel / EU. (eu) Die Europäische Kommission hat die Ergebnisse einer umfassenden Studie über die Entwicklung von Angebot und Innovation bei Lebensmitteln in den letzten zehn Jahren in Europa bekanntgegeben. Den Ergebnissen zufolge geht der Markteintritt neuer Wettbewerber stets mit einer größeren Auswahl und mehr Innovation einher. In vielen Mitgliedstaaten sind die Einzelhandelsmärkte nicht übermäßig konzentriert, so dass die Verhandlungsmacht der Einzelhändler keine negativen Auswirkungen auf Angebot und Neuerungen zu zeigen scheint. Während die Auswahl, die die Europäer im Einzelhandel haben, seit 2004 beständig zugenommen hat, ist die Zahl der Neuerungen, die die Verbraucher jedes Jahr erreichen, seit 2008 rückläufig. Dies ist vor allem auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen. Die Kommission fordert Interessenträger zur Stellungnahme zu den Ergebnissen der Studie auf.

Der für Wettbewerbspolitik zuständige Vizepräsident der Kommission, Joaquín Almunia, sagt: «Die Europäer sollten gute Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen kaufen können. In den vergangenen fünf Jahren haben die Akteure viele Fragen hinsichtlich der Funktionsweise der Lebensmittel- Versorgungskette aufgeworfen. Um deren Bedenken beurteilen zu können, brauchen wir harte Fakten, insbesondere zu den Auswirkungen der Verhandlungsmacht und der Eigenmarken großer Einzelhandelsketten. Diese Studie liefert wichtige Erkenntnisse und ebnet den Weg für die künftige Arbeit zu diesen Aspekten».

Im Zuge der von verschiedenen Interessenträgern wiederholt geäußerten Bedenken hat die Kommission eine umfassende Studie über die Lebensmittelversorgungskette in Europa durchgeführt (Format PDF, 452 Seiten, 14.659 KB). Nachstehend sind die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst. Die zeigen übrigens, dass die Europäische Kommission zu ganz anderen Ansichten gelangt ist als das deutsche Bundeskartellamt in seinem «Bericht zur Sektoruntersuchung der Nachfragemacht im Lebensmittel- Einzelhandel» von Ende September. Die Sektorenuntersuchung in Deutschland habe ergeben, dass einer weiteren Verschlechterung der Wettbewerbsverhältnisse konsequent entgegengewirkt werden müsse, sagte hierzu Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts: «Der Lebensmittel- Einzelhandel in Deutschland ist ein stark konzentrierter Markt. Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz Gruppe mit den Lidl-Märkten und Kaufland stehen für rund 85 Prozent des Marktes». Die Ergebnisse der Sektoruntersuchung hätten belegt, dass die hoch konzentrierte Marktstruktur auf den Lebensmittel- Einzelhandelsmärkten Gefahr laufe, sich weiter zu verschlechtern und dass die strenge Linie des Bundeskartellamts in der Fallpraxis konsequent fortgesetzt werden müsse. Doch nun weiter im Text mit den Ergebnissen aus Brüssel:

Entwicklung von Konzentration, Angebot und Innovation

Auf lokaler Ebene hat sich die Auswahl für die Verbraucher in den letzten zehn Jahren im Hinblick auf Anzahl der Geschäfte, Produkte, Markenhersteller und angebotene Produktgrößen kontinuierlich erhöht. Allerdings ist der Umfang der Neuerungen, die jedes Jahr die Verbraucher erreichen, seit 2008 um 6,5 Prozent zurückgegangen. Im Jahr 2004 bestanden diese Neuerungen im Wesentlichen aus völlig neuen Produkten und Sortimenterweiterungen (zum Beispiel neue Geschmackssorten), während im Jahr 2012 rund ein Drittel aller Neuheiten lediglich die Aufmachung des Produkts betraf.

Die Konzentration der Markenhersteller auf nationaler Ebene hat bei den meisten untersuchten Produktgruppen zugenommen. In fast allen Mitgliedstaaten ist die Konzentration des Einzelhandels insgesamt (das heißt moderner Einzelhandel und traditionelle Geschäfte) gestiegen. Dies erklärt sich insbesondere aus der zunehmenden Verbreitung des modernen Einzelhandels (Supermarktketten, Verbrauchergroßmärkte und Discounter mit zentralisiertem Vertriebssystem und moderner Logistik). Die Konzentration des modernen Einzelhandels hat in einigen Mitgliedstaaten zugenommen, während sie in anderen zurückgegangen ist. Auf lokaler Ebene scheint die Konzentration des modernen Einzelhandels im Durchschnitt leicht zurückzugehen, weil die Hauptketten in die lokalen Märkte ihrer Wettbewerber eingetreten sind.

Entscheidende Faktoren für Auswahl und Innovation

Die wichtigsten Faktoren für Angebot und Neuheiten waren die Größe und die Art der Geschäfte und das wirtschaftliche Umfeld (BIP je Kopf und Arbeitslosigkeit in dem betreffenden Gebiet). Je höher der Umsatz in einer Produktkategorie, desto größer ist die Auswahl (und in geringerem Maße die Innovation) in dieser Kategorie. Die Eröffnung eines neuen Geschäfts führt dazu, dass die konkurrierenden Geschäfte mehr Auswahl und Neuheiten in ihre Regale bringen. Dies spricht für die Bemühungen der Kommission, unnötige Beschränkungen für die Einrichtung von Einzelhandelsgeschäften abzuschaffen (siehe IP/13/78).

Auf mäßig konzentrierten Einzelhandelsmärkten scheint die stärkere Verhandlungsposition der Einzelhändler gegenüber den Lieferanten nicht zu weniger Auswahl und Neuerungen bei Lebensmittelprodukten zu führen. Aufgrund mangelnder Daten war es nicht möglich, Fälle zu untersuchen, in denen eine hohe Konzentration des modernen Einzelhandels vorliegt (wie etwa in den skandinavischen und baltischen Staaten). Darüber hinaus hat der Anteil der Eigenmarken am Sortiment erst dann wesentliche Auswirkungen, wenn ein hohes Niveau (je nach Kategorie) erreicht ist, da sich dies nachteilig auf Angebot und Neuheiten auswirken könnte.

Folgemaßnahmen

Die Kommission sieht den Stellungnahmen derer, die an der Studie, deren Ergebnissen und möglichen Folgemaßnahmen interessiert sind, erwartungsvoll entgegen. Alle Stellungnahmen sind, vorzugsweise vor dem 30. Januar 2015, an comp-e-tf-food@ec.europa.eu zu richten.

Hintergrund

Die Kommission hat Beschwerden von Akteuren der Lebensmittel- Versorgungskette sowie Anträge des Europäischen Parlaments auf Prüfung der Auswirkungen der Konzentration in der Kette erhalten. Nach Angaben der Beschwerdeführer erlegen große Marktbeteiligte, insbesondere große moderne Einzelhändler, ihren Lieferanten vielfach nachteilige Bedingungen auf, so dass die Lieferanten nicht in der Lage sind, in neue Produkte zu investieren. Dies habe Angebot und Innovationsgrad im Bereich der Lebensmittel für die europäischen Verbraucher verringert.

Im Dezember 2012 hat die Kommission daher eine umfassende Studie zum modernen Einzelhandel in die Wege geleitet (siehe IP/12/1356), um festzustellen, wie sich in den letzten zehn Jahren Auswahl und Innovation in den Regalen konkret niedergeschlagen haben. Im Rahmen der Studie wurde auch die Entwicklung einer Reihe von marktbestimmenden Faktoren beurteilt. Dabei sollte festgestellt werden, welche dieser Faktoren ausschlaggebend für Angebot und Innovation waren. Durchgeführt wurde die Studie von einem Konsortium aus Ernst + Young, Arcadia International und Cambridge Econometrics.

Diese Studie ist im Hinblick auf ihren Umfang und ihre Konzentration auf empirische Daten eine der ersten ihrer Art. In einer großen Stichprobe von EU-Mitgliedstaaten (9) und über einen langen Zeitraum (2004 bis 2012) wurden für eine große Bandbreite an Erzeugniskategorien (23) die Auswahl und die Neuerungen in über 300 Geschäften untersucht. Im Rahmen der Studie wurden insgesamt elf Millionen Datensätze erfasst. Die gewählte Stichprobe ist im Hinblick auf die Art des jeweiligen Gebiets (ländlicher respektive städtischer Raum) und den Wohlstand repräsentativ für eine Vielzahl von auf lokaler Ebene in Europa anzutreffenden Konstellationen. Darüber hinaus erfasst sie für die nationale Ebene eine große Bandbreite an Konzentrationsgraden bei Markenherstellern auf nationaler Ebene sowie eine große Bandbreite bestehender Ungleichgewichte zwischen Einzelhändlern und Lieferanten ab. Die Stichprobe der Studie umfasst nur Länder, in denen der moderne Einzelhandel leicht oder mäßig konzentriert ist; sie umfasst hingegen keine Länder mit einem stark konzentrierten modernen Einzelhandel (das heißt die skandinavischen und baltischen Staaten), da in diesen Ländern keine Daten für den lokalen Einzelhandel zur Verfügung standen (Originaltext).

backnetz:eu