Dienstag, 4. Oktober 2022
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20200102-HAPPY-2020

Neujahrsgruß 2020: Unverhofft kommt oft …

Bremerhaven. (eb) «Hoffentlich kommt jetzt keiner von den drei Prozent Backbetrieben, die im Schnitt jedes Jahr ihre Türen schließen, auf die Idee, dafür die Belegausgabepflicht verantwortlich zu machen.» Zu Silvester hat natürlich auch der WebBaecker seine frommen Wünsche in den Himmel geschickt. Das Stichwort Kassengesetz, seit drei Jahren abgeschlossen, war im November und Dezember 2019 unerwartet noch einmal Thema. Auffallend der oft retrospektive Blick auf analoge Konstanten. Digitale Variablen, die zweifellos unsere Zukunft bestimmen, fanden kaum Erwähnung. Das Thema ist komplex. Manchem Rechercheur der Tagespresse fällt bis heute nicht auf, dass es einen signifikanten Unterschied gibt zwischen der oft zitierten, vermeintlichen «Kassenbon-Pflicht» und der tatsächlichen Belegausgabepflicht.

Die weit überwiegende Zahl der bundesdeutschen Backbetriebe hat die zurückliegenden drei Jahre genutzt, um sich mit der Kassensicherungsverordnung (KassenSichV) auseinander zu setzen – sowie mit den Konsequenzen, die sich sukzessive daraus ergeben. Fast allen Betrieben ist klar, dass der Einzelhandel am Beginn deutlicher Umwälzungen steht. Wesentlicher Treiber und Wegbereiter dieser Veränderungen ist das Smartphone: Vom Telefon hat es sich längst zum vielseitigen Alltagsbegleiter entwickelt – Bezahlfunktion inklusive.

Der digitale Kassenbon hat ungeahnte Potenziale

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch ein multifunktionales Kassenbeleg-Archiv auf fast jedem Smartphone zum Standard gehören wird. Deshalb ist es müßig darauf zu verweisen, die wenigsten Bäckerkunden würden einen Kassenbon benötigen. Selbstverständlich: Wenn wir den Kassenbeleg immer nur retrospektiv aus Sicht des Kassenzettels betrachten, dann werden die meisten Verbraucher auch weiterhin nur wenig mit dem Bon anfangen können. Doch wenn wir uns daran machen zu erkennen und zu entwickeln, was ein digitaler Kassenbeleg alles sein kann, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Kurzum: In dynamischen Zeiten wie diesen ist jeder Marktteilnehmer gut beraten, seine Kunden selbst entscheiden zu lassen, was die meinen gebrauchen oder nicht gebrauchen zu können.

Kunden haben gerne die Wahl. Ob sie die auch nutzen, ist eine andere Frage. Das trifft nicht nur auf die zunehmende Vielfalt an Bezahlverfahren zu. Wie die meisten Betriebe leidvoll jeden Tag erfahren, trifft das auch oder gerade auf die Brot- und Gebäckvielfalt zu, die Filialen bis kurz vor Ladenschluss vorhalten müssen. Während das Ringen um die Retourenquoten seit Jahren Thema ist und es zunehmende Ansätze gibt, die zu verringern, ist die Vielfalt an Bezahlverfahren weniger geläufig und noch im Aufbau. Ein technologischer Umbruch, der nicht einfach nur administrativ abgewickelt werden kann. Der mental in den Köpfen ankommen muss, damit er sich zu eigen machen lässt – was Eigenes entstehen kann.

Das Mentalitätsproblem der deutschen «Digitalpolitik»

Fragen über Fragen am Neujahrsmorgen. Außerdem ein grober Umriss thematischer Akzente 2020. Schließlich müssen Unternehmen heute auf vielen Gebieten fit sein und ist die digitale Kompetenz nicht überall gleich gut ausgeprägt – oft verbunden mit der Frage nach verfüg- und bezahlbaren Kapazitäten. US-amerikanische Konzerne haben schon vor zehn Jahren begonnen, reihenweise «Chief Digital Officers» einzustellen. Entsprechende Meldungen aus dem bundesdeutschen Mittelstand sind bis heute rar gesät. Es waren und sind wohl interne Lösungen, die weit überwiegend dafür sorgten und sorgen, dass sich der Mittelstand wenigstens soweit erfolgreich der Digitalisierung stellen kann, wie ihn die bundesdeutsche «Digitalpolitik» nicht gerade vernachlässigt und damit – ganz nebenbei – in der Existenz gefährdet.

Weiterbildung ist ein zentraler Schlüssel

«Hoffentlich kommt bei dieser Ausgangslage bloß kein Betrieb auf die Idee, für seine Schließung die Belegausgabepflicht verantwortlich zu machen», dachte der WebBaecker noch am Neujahrsmorgen. Mangelnde Liquidität, Personalsorgen, Überalterung, der fehlende Nachfolger. Die Liste an nachvollziehbaren echten Gründen für eine Betriebsaufgabe ist lang genug. Außerdem ist der digitale Wandel, nach einer anfänglichen Investition in Hardware, Software und vor allem Weiterbildung, nicht Bedrohung sondern Chance.

Unverhofft kommt oft …

«Das macht keiner.» Doch genau so, wie man als Unternehmer im Kundenkontakt nicht auf den Trugschluss bauen darf, man wüsste nur zu gut, was das eigene Klientel will – sollten auch Journalisten nicht glauben, der unausweichliche digitale Wandel fände überall die gleiche sachliche Akzeptanz und Umsetzung. Natürlich hat sich der WebBaecker gewünscht, dass sein frommer Wunsch Bestand hat: Alle helfen mit, das gegenwärtige Mentalitätsproblem zu überwinden.

Schlag 10:19 Uhr am Neujahrsmorgen war der fromme Wunsch dann Geschichte: Bild Online veröffentlichte die traurige Geschichte einer kleinen Bäckerei im Freistaat Sachsen unter dem Titel «Mein Ofen bleibt für immer aus! Kult-Bäcker protestiert gegen Kassenbon- Pflicht». Das Opfer, das der Kleinbetrieb offenbar «pro Kassenzettel» brachte, ist hiermit registriert und gewürdigt. Erstaunten Lesern, die den Zusammenhang «so nicht geknüpft» und vielleicht auch nicht geglaubt hätten, dass er sich so knüpfen lässt, haben wir sicherheitshalber ein Bildschirmfoto hinterlegt (TitelFoto: pixabay.com – TextFoto: Screenshot von www.bild.de).

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