Donnerstag, 29. Februar 2024
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NGT: BMEL wirbt für Gründlichkeit statt Schnelligkeit

Berlin. (bmel) Erneut wurde auf europäischer Ebene über den künftigen Umgang mit Gentechnik, besonders mit den so genannten Neuen Genomischen Techniken (NGT), abgestimmt. Während sich im Europäischen Parlament eine knappe Mehrheit für den Vorschlag der EU-Kommission aussprach, fand dieser am Nachmittag im Ausschuss der Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten (AStV) keine qualifizierte Mehrheit, berichtet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

Dazu erklärt Bundesminister Cem Özdemir (BMEL): «Die sich widersprechenden Abstimmungsergebnisse zum Umgang mit gentechnisch veränderten Pflanzen zeigen: Es liegt noch kein tragfähiger Vorschlag vor, der den Interessen von Landwirtschaft, Verbrauchern und Lebensmittelwirtschaft gerecht wird. Weiterhin sind viele zentrale Fragen ungeklärt: Stichworte Koexistenz, Wahlfreiheit, Patente.

«Die Probleme der Patentierung von Pflanzen müssen gelöst und nicht durch die Neuregelung verschärft werden. Sie darf nicht zu Biopatenten durch die Hintertür führen. Das ginge zulasten unserer mittelständischen Zuchtunternehmen, die gerade in Deutschland besonders stark sind. Zudem könnten Patente auf Saatgut in der gesamten Wertschöpfungskette bis hin zum Handel zu Haftungsrisiken führen.

Neuen Genomische Techniken: Europa am Scheideweg

Bremerhaven. (usp) Debatte und Abstimmung über die Position des EU-Parlaments zu Neuen Genomischen Techniken (NGT) konnten Interessenten via Livestream in dieser Woche verfolgen. Herausgearbeitet wurde sehr schön der Unterschied zwischen Transgenese und Mutagenese, was in der bundesdeutschen Diskussion leider schnell untergeht. Die «alte Gentechnik» hantiert mit Transgenese – artfremde Gene werden transferiert respektive eingeschleust. Die «neue Gentechnik» beschränkt sich auf die Mutagenese – artgleiche Gene können durch die Genschere Crispr-Cas schneller mutieren. Die beschleunigte Mutation soll sich nach Angaben der Befürworter durch nichts von dem unterscheiden, was nicht auch in der Natur passieren kann. Nur dass Mutationen schneller und gezielter stattfinden und Reaktionen schneller auf den Klimawandel mit seinen Folgen erfolgen könnten. Für die Entdeckung der Genschere Crispr-Cas, die zweifellos über einen hohen Nutzwert verfügt, erhielten die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna den Chemie-Nobelpreis 2020. Die Genschere Crispr-Cas ist eine europäische Forschungsarbeit und wird schon überall auf der Welt eingesetzt – nur nicht in Europa.

Stichwort Welthandel: Will Europa bei einem strikten Nein bleiben, müsste es künftig geschlossene Rohstoffkreisläufe schaffen, denn im Import/Export sind Erzeugnisse, die mit Hilfe der Genschere Crispr-Cas optimiert wurden, durch nichts zu unterscheiden. Es wurden/werden schließlich keine artfremden Gene transferiert, sondern nur die natürliche Mutation beschleunigt.

Stichwort Alternative Landwirtschaft: Die Welt ist sich einig darüber, dass sie in der Erzeugung von Lebensmitteln dringend einen Systemwechsel braucht. Einerseits ist dieser Systemwechsel sehr anspruchsvoll, rettet aber die Welt. Andererseits sind die Beharrungskräfte sehr stark, die am bestehenden System festhalten wollen. Dieses System laugt die Böden zunehmend aus und zerstört sukzessive unsere Lebensgrundlage. Die sehr starken Beharrungskräfte sehen in den Vorteilen der Genschere Crispr-Cas nur das Werkzeug, um so weiterzumachen wie gehabt – und nicht über eine alternative Landwirtschaft nachdenken zu müssen … besser für die Menschheit, besser für den Planeten.

Fazit: Der hohe Nutzwert der Genschere Crispr-Cas – die Mutagenese durch Neue Genomische Techniken (NGT) – ist mit Blick auf Europa mit Bedacht einzusetzen. Sie kann nicht der rettende Strohhalm für eine konventionelle Agrarindustrie sein, die nur gelernt hat Ressourcen auszubeuten – in der die Großen immer größer werden, während die Kleinen hinten herunterfallen. Das kann sich noch ändern, doch aktuell sollte die Genschere vor allem ein Lenkungsinstrument sein, auf das die Nationalstaaten – mindestens – den gleichen Einfluss haben wie die EU-Institutionen.

«Insgesamt gilt: Wer gentechnikfrei wirtschaften will, muss dies auch in Zukunft tun können. Wir brauchen echte Wahlfreiheit über die gesamte Lebensmittelkette. Dafür benötigen wir Regeln für die Koexistenz, damit ein funktionierender, milliardenschwerer Markt nicht sehenden Auges zerstört wird. Viele Landwirte verdienen gutes Geld mit Produkten ohne Gentechnik – das muss auch künftig möglich sein. Und auch zahlreiche Unternehmen des Lebensmittelhandels haben sich sehr klar für Transparenz im Sinne der Verbraucher ausgesprochen. Die Bürgerinnen und Bürger wollen wissen, welche Produkte sie kaufen. Ich möchte, dass sie selbstbestimmt entscheiden können.

«Fragen der Gentechnik betreffen und berühren zahlreiche Menschen. Ich habe mich frühzeitig für einen guten Kompromiss eingesetzt und fordere dies auch weiterhin. Es ist wichtig, dass wir uns jetzt in Ruhe mit diesen komplexen Fragen auseinandersetzen. Gründlichkeit geht hier vor Schnelligkeit» (Foto: BMEL – Julian Rettig – Photothek).

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