Dienstag, 19. Januar 2021
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Nichts für ungut: Machen Sie mal Urlaub!

Bremerhaven. (usp) Welches besondere Fingerspitzengefühl braucht man, um in pandemischen Zeiten auf Urlaubs- und Brückentage hinzuweisen? Hat sich durch Covid-19 irgendwas geändert am Urlaubsanspruch von Arbeitnehmenden? Sind den Mitarbeitenden in den Betrieben plötzlich Superkräfte gewachsen, so dass sie locker auf allfällige Erholungsphasen verzichten können? Gesetzlich vorgeschriebene Urlaubstage lösen sich nicht in Luft auf, nur weil wir derzeit unter Covid-19-Bedingungen arbeiten. Im Gegenteil: Erfahrene Chefs und Chefinnen haben jetzt ein besonderes Auge auf sich selbst und ihr Team.

Burnout – oder wenn in der eigenen Profession nichts mehr geht

Schließlich können bei allem Engagement der gute Wille, die Anspannung und Mehrstunden überhand nehmen und in eine Situation führen, aus der man nur noch schwer herausfindet – plötzlich arbeitsunfähig ist. Auf Neudeutsch heißt das «Burnout» und stellt sich schleichend ein: Das persönliche Ausbrennen in einem System, für das man eigentlich brennt. Das zu überwinden dauert deutlich länger und kostet viel mehr als die eingangs erwähnten Erholungsphasen – ob mit oder ohne Brückentage.

Wer nicht abschalten kann nutzt vielleicht die Lehre von der Arbeit

Es gibt also keinen Grund, seinen Leuten oder sich selbst die Erholung nicht zu gönnen. Wer dann nicht abschalten kann, der kann vielleicht dem «positiven Belastungsbegriff» was abgewinnen. Der Begriff aus der Arbeitslehre meint nichts anderes, als dass Urlaubende – wenn sie sich schon nicht mental von ihrer Tätigkeit lösen können – so doch alternativ einer Beschäftigung nachgehen, die sie bestenfalls als adäquat empfinden. Oder wenigstens auf andere Gedanken bringt. Nicht umsonst gibt es das geflügelte Wort von der «blauen Stunde», die jeder Unternehmende hier und da für sich übrig haben sollte.

Auch der Zugang zur Arbeit bestimmt den Erholungsbedarf

Nicht zu unterschätzen: Der Zugang zum Thema Arbeit ist für Unternehmende anders als für Arbeitnehmende. Während die einen darin den Lebensmittelpunkt und die Erfüllung auf eigene Rechnung sehen, sehen die anderen darin die Leistung für den Broterwerb, der zum Lebensmittelpunkt außerhalb des Betriebs beiträgt. Es erübrigt sich der Hinweis, nach dem beide Positionen ein und dieselbe Belastung unterschiedlich gewichten mit abweichendem Erholungsbedarf. Um diese Interessen auszugleichen, gibt es das Instrument des Urlaubs und so weiter und so fort, die alle zusammen je nach Branche variieren.

Es gibt viele Gründe, das Thema Urlaub anders zu denken

Weitere Ausführungen würden zu weit führen. Hier sind wir auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob und welches besondere Fingerspitzengefühl man braucht, um in pandemischen Zeiten auf Urlaubs- und Brückentage hinzuweisen. Haben Betriebe derzeit mehr zu tun als ihnen lieb ist, werden sie aus dem ersten Lockdown gelernt haben. Oder haben Betriebe weniger zu tun als zu normalen Zeiten, dann werden auch sie gelernt haben. Vielleicht sind sie schon von allein auf die Idee gekommen, statt an Kurzarbeit zu denken, partiell unbezahlten Urlaub anzubieten, abseits des vorhandenen Anspruchs. Oder Unternehmen helfen sich gegenseitig aus. Es müssen ja nicht die gleichen Branchen sein. Oder Beschäftigte hätten gerne mehr Zeit für sich selbst, für Angehörige, fürs Ehrenamt oder den Schrebergarten. Oder, oder. Jedenfalls gibt es unzählige Gründe, unter geänderten Bedingungen auch das Thema Urlaub anders zu denken und sich selbst dabei nicht auszunehmen. Das gilt übrigens auch für Brückentage, die man nicht nur anderen gönnen muss, sondern als Chef oder Chefin auch selbst in Anspruch nehmen kann.

Noch einmal: Welches besondere Fingerspitzengefühl?!

Welches besondere Fingerspitzengefühl braucht man also, um in pandemischen Zeiten auf Urlaubs- und Brückentage hinzuweisen? Zum ersten Mal nach gut 20 Jahren Infodienst hat der WebBaecker eine E-Mail im Stil von «Social Media» erhalten – von einem Bäckermeister in Unterfranken. Wir wissen nicht recht, was wir davon halten sollen. Wir wollen auch nicht daraus zitieren, weil es nichts bringt, die Schmutzkübel anderer auszukippen – und dem Anliegen des Bäckermeisters nicht gerecht würde, der wahrscheinlich nur urlaubsreif ist. Keiner sagt, dass Covid-19-Zeiten leichte Zeiten sind. Eine gewisse Frustration zieht sich mittlerweile durch viele Gesellschaftsgruppen. Das heißt aber nicht, dass wir uns einfach so gehen lassen dürfen. Wie gut und mit welchem Anstand wir Druck standhalten können, sagt viel über die wesentlichen Eigenschaften von Führungskräften aus – egal auf welcher Ebene, meint Ihre Ute Speer.

Nachtrag: Weil wir in dieser Woche die gewohnte Themenvielfalt bearbeiten, fällt Ihrer WebBaeckerin respektive backnetz:eu gerade noch ein, dass es auch einen Zusammenhang gibt zwischen ausreichenden Erholungsphasen und dem Arbeitsschutz. Der wird in der neuen DGUV Regel 110-004 «Branche Backbetriebe» vielleicht nicht explizit erwähnt. Doch Fachleute von BGN und DGUV werden diesen Zusammenhang bestimmt knüpfen können.