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Orlamünde: Qualitätsbäcker in finanzieller Schieflage

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Syke. (eb) Bei allen Chancen, die sich durch die Pandemie neu eröffnen, gibt es selbstverständlich auch kerngesunde Unternehmen, die sich nicht oder nur sehr langsam darauf einstellen können – weil sie mit allen verfügbaren Ressourcen gerade Prozesse bewältigen, die nicht weniger wichtig sind. Überrascht von Covid-19 fällt es dann schwer, in einer neuen Wirklichkeit umgehend Tritt zu fassen.

Nehmen wir zum Beispiel die Bäckerei Orlamünde KG im Landkreis Diepholz. Gegründet 1919 in Schwarme, repräsentiert Holger Orlamünde die dritte Generation. Über die Zukunft bräuchte sich der persönlich haftende Gesellschafter kaum Sorgen machen, denn mit Tochter Merle Orlamünde steht die vierte Generation in den Startlöchern. Der Anspruch: NaturPur + Klimaneutral + GrünStrom = Zukunft. So lautet das Konzept. Jeder Unternehmer weiß: Die Umsetzung ist ein mittel- bis langfristiger Prozess, in den investiert werden muss. Damit haben Orlamündes vor einer Handvoll Jahren begonnen und sind auf einem guten Weg. Die Kunden haben das Zukunftskonzept angenommen. Die fünf Bäckereifilialen laufen gut und die drei Kaffeehäuser florieren. Es hat sich herumgesprochen, dass es bei Orlamündes gut schmeckt. Dass der Betrieb sich einen tieferen Sinn für die Zukunft gegeben hat. Dass er weitgehend auf unerwünschte Zusatzstoffe verzichtet. Dass zum Beispiel die Produktion von Brötchen nicht innerhalb von drei Stunden erledigt ist, sondern drei Tage in Anspruch nimmt.

Komplexe Produktionsprozesse, die anspruchsvolle Backwaren hervorbringen. Eine Bäcker-Gastronomie, die keiner besonderen Werbung bedurfte, weil die Leute von alleine kamen. Plötzlich machen die gleichen Leute auf dem Absatz kehrt, denken nur an den Selbstschutz und gehen zum One-Stop-Shopping in den nächsten Supermarkt. Die abrupte Umkehrung der eingeübten Wirklichkeit nicht nur zu sehen, sondern auch zu verinnerlichen, muss schwer sein. Ebenso umgehend eine angemessene Antwort zu finden, ist auch nicht leicht. Nicht auf Kunden warten, sondern auf sie zugehen. Mal nicht Produkte anbieten, sondern Lösungen für besondere Umstände. Wünsche und Vorstellungen auf alternativen Vertriebswegen neu kennenlernen. Das sagt sich so leicht, denn: Die technologische Optimierung zur Qualitätspflege einerseits und der technische Fokus auf mehrere Vertriebskanäle andererseits sind zwei verschiedene paar Schuhe. Das fällt in normalen Zeiten nicht weiter auf. In unnormalen Zeiten, wenn zum Beispiel alle 100 Jahre eine Pandemie vorbeikommt, ändern sich die Bedingungen abrupt und führen uns klar vor Augen, was wir mit Blick auf die Resilienz bislang vernachlässigt haben. Multichannel. Welcher anständige Bäckermeister denkt schon an «Multichannel»?! Doch die Zeiten ändern sich und jeder qualitativ gut aufgestellte Betrieb wird sich künftig nicht mehr nur auf seine anspruchsvollen Produkte verlassen können, sondern auch zusätzliche Vertriebswege aufbauen müssen.

«www.baeckerei-beispiel.de – Wir liefern sofort!» Viel zu selten noch blafft uns dieser Hinweis durch die Fenster an. Dabei hat die Marktforschung nun schon mehrfach festgestellt, dass Verbraucher den regionalen und lokalen Einzelhandel gerne bevorzugen würden – wenn er sich on Line denn endlich zu erkennen gäbe.

Die Bäckerei Orlamünde KG indes, vertreten durch den persönlich haftenden Gesellschafter Holger Orlamünde, hat am 20. Mai Insolvenz angemeldet (AZ:15.IN.77/20). Bei rund 100 Mitarbeitenden und einem strikten Fokus auf Backwaren, die sich nahezu von selbst verkaufen, ist das angesichts der einzigartigen Situation wahrscheinlich ein naheliegendes Resultat. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestimmte das Amtsgericht Syke den Rechtsanwalt Dr. Frank Kreuznacht aus Münster. Der betonte sofort, dass es sich bei der Bäckerei eigentlich um ein kerngesundes Unternehmen handelt – wenn nur die Pandemie nicht wäre. Doch die hat nirgends gefragt, ob sie die Welt auf den Kopf stellen darf. Eine der Hauptaufgaben wird nun sein, die Widerstandskraft der Bäckerei Orlamünde KG – und anderer Unternehmen – auch gegenüber Vorkommnissen zu stärken, die nur alle 100 Jahre einmal auftauchen. Sicher ist sicher (Foto: Orlamünde).