Montag, 3. Oktober 2022
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Tier oder Tofu? Vorlesung im Licht des Wirtschaftskriegs

Bremerhaven. (eb) Was können wir tun, um den Hunger in Entwicklungs- und Schwellenländern abzumildern, den der Krieg Russlands gegen die Ukraine sehr wahrscheinlich auslösen wird? Eine der größten Kornkammern der Welt wird bald selbst auf Lieferungen von Getreide und Mehl angewiesen sein, um eine Zeit zu überbrücken, in der aufgrund der Agressionen an Getreideanbau nicht zu denken ist.

Deutschland ist Wirtschaftskriegspartei in diesem Konflikt. Gewissheiten drehen sich um 180 Grad. Im Ernährungssektor gibt es nach wie vor ein kommunikatives Brachland, das bereitwillig von diversen Akteuren beackert wird – ob berufen oder nicht, fachlich versiert oder nicht. Im Stundentakt werden Totschlagargumente und Killerphrasen ausgetauscht. Die einen wollen zurück zu den falschen Rezepten von gestern. Die anderen stochern im Nebel herum und sind zumindest offen für die Vorstellung, dass im Unbekannten nicht nur Gefahr lauert, sondern die Lösung liegen kann. Unter dem Strich lässt sich nur hoffen, dass dieses Land auch unter erhöhtem Druck die richtigen Entscheidungen zu fällen in der Lage ist.

Dieser Tage raschelte ein Interview durch die Medienlandschaft, das Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gab. Das Interview in voller Länge finden Interessenten hier auf dem RND-Server. Die Absichten der Ministerin waren gewiss ehrenwert. Doch gleichzeitig brachte sie in ihrer Argumentation viel von dem unter, was ihr möglicherweise schon länger auf der Seele liegt. Unter dem Strich mag Dies und Das richtig gewesen sein. Doch in der Verkürzung der Argumente war auch ziemlich viel falsch. Das wiederum schadet der Glaubwürdigkeit im Allgemeinen. Denn welcher Verbraucher bemüht sich noch um ehrliches Verständnis, wenn er immer wieder befürchten muss, nicht nur sachlich informiert, sondern auch Interessen-konform gelenkt zu werden?

Was können wir also hier und heute tun, um den Versorgungsengpass abzumildern, den die russische Aggression sehr wahrscheinlich auslöst? Auf den ersten Blick wenig bis nichts. Jedenfalls nichts, was europa- oder gar weltweit ins Gewicht fiele. Auf den zweiten Blick haben wir allerdings die Chance Tendenzen einzuleiten, die sowohl individuell förderlich sind als auch für den Planeten. Um Wirkweisen zu verstehen und in eine für Menschen und den Planeten günstige Richtung zu lenken, muss man – entsprechende Offenheit vorausgesetzt – zunächst ein komplexes Geflecht von Argumenten, Anschauungen und Tatsachen auf sich wirken lassen. Bei der intellektuellen Verdauung hilft ein Vortrag des Agrarökonoms Prof. Dr. Matin Qaim von der Universität Bonn im Rahmen der Ringvorlesung «Tier oder Tofu – Was isst die Zukunft?» an der Universität Göttingen von Oktober 2019.

Ziel der Ringvorlesung war, einen wissenschaftlich fundierten Dialog zur Transformation des Ernährungssektors anzuregen. Die Vorträge griffen Fragen nach einer «Nachhaltigen Ernährung» auf, beleuchten Klimaschutz- und Welternährungsfragen, Anforderungen des Tierschutzes, aber auch ernährungswissenschaftliche und ethische Perspektiven. Die Vortragenden wollten die Frage «Tier oder Tofu?» nicht beantworten, sondern gaben vielfältige Hintergrundinformationen für fundierte eigene Ernährungsentscheidungen. Die Lesung von Prof. Dr. Matin Qaim dauert eine knappe Stunde und ist jede Minute Aufmerksamkeit wert (Fotos: Bildschirmfotos – Video: Uni Göttingen über Youtube).

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