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VGMS-Symposium 2019: Hin zu mehr Gesundheit. Wie denn?!

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Berlin. (vgms) Wissenschaftler, Vertreter von Ministerien und NGOs diskutierten mit Unternehmern aus der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft über die Rolle der Kohlenhydrate in der Ernährung und deren Bedeutung für die Gesundheit. Fazit: Kohlenhydrate sind weder gut noch böse. Entscheidend für das Körpergewicht bleibt vielmehr die Kalorienbilanz. Die Erwartung, dass die «Reformulierung» von Lebensmitteln einen Quantensprung zu mehr Gesundheit ermöglicht, halten die Wissenschaftler für wenig realistisch: Ernährung und Gesundheit sind viel zu komplex und individuell. Antworten liefern hingegen ein breites Lebensmittelangebot und eine personalisierte Ernährung.

Ernährungswissenschaftler Philip Prinz stellte in seinem Vortrag zum Thema Zucker evidenzbasierte Studien zu dessen Auswirkungen auf die Gesundheit vor. Sein Fazit war: «Mit höchster wissenschaftlicher Evidenz gibt es keine Hinweise darauf, dass Saccharose aufgrund ihrer Zusammensetzung zu Übergewicht und Adipositas sowie anderen ernährungsassoziierten Erkrankungen beiträgt. Entscheidend für das Körper-gewicht ist die Kalorienbilanz.» Für die weitere ernährungspolitische Diskussion plädierte er dafür, sich nicht auf einzelne Nährstoffe zu versteifen, sondern wieder einen ganzheitlichen Blick auf die komplexen Themen Ernährung und Gesundheit zu nehmen.

«Natürlich gibt es keine schlechten Kohlenhydrate», sagt auch Hannelore Daniel in ihrem Vortrag. Sie stellte die hochkomplexen Verstoffwechslungswege einzelner Zucker im Körper dar. Nicht alles wird bisher verstanden, viele Ergebnisse basieren auf Nager-Studien und lassen sich nicht einfach auf den Menschen übertragen. Auch Professor Daniel sieht nicht einzelne Nährstoffe sondern die Kalorienbilanz insgesamt als wesentlichen Einflussfaktor bei der Entstehung von Übergewicht und ernährungsbedingten Krankheiten wie der nichtalkoholischen Fettleber: Denn die Nährstoffe – egal ob Fett, Zucker oder Protein – die zu viel aufgenommen werden, «müssen eben irgendwo hin».

Reformulierung ist kein Quantensprung für mehr Gesundheit

Jutta Saumweber stellte die Forderungen der Verbraucherzentrale Bayern an die Getreidewirtschaft vor. Im Fall der Kindercerealien wünschen sich die Verbraucherzentralen einen maximalen Zuckergehalt von 15 Gramm pro 100 Gramm bei gleichzeitiger Kalorienreduktion.

Die Cerealienhersteller im Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS haben im Rahmen der Reduktions- und Innovationsstrategie von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner zugesagt, bis Ende 2025 die Gesamtzuckergehalte der in ihrer Aufmachung an Kinder gerichteten Produkte, gewichtet nach ihrem Absatz, um durchschnittlich mindestens 20 Prozent zu reduzieren. Die Vertreter der Cerealienhersteller bekräftigten ihre Zusage, die Reduktion der Zuckergehalte in ihren Produkten wie zugesagt voranzutreiben – soweit dies technologisch möglich sei und vom Verbraucher akzeptiert werde.

Ein «Rezepturendiktat» dürfe und könne es aber nicht geben. Außerdem machten sie deutlich, dass durch eine Zuckerreduktion in der Produktgruppe der Cerealien keine oder nur eine geringe Kalorienreduktion möglich sei, da der Zucker nur durch andere gleich oder höher kalorische Komponenten ersetzt werden könne, etwa durch andere Kohlenhydrate, Nüsse oder ähnliche Zutaten. Reformulierung könne eben nur ein Baustein auf dem Weg zu einer gesünderen Ernährung und zu gesünderen Lebensstilen sein. Auch Professor Daniel war skeptisch, wie viel mehr Gesundheit die Reformulierung bringen könne. Sie sagte in der abschließenden Diskussion: «Die Erwartungshaltung, mit der Reformulierung einen Quantensprung hin zu mehr Gesundheit zu machen, die darf man nicht haben.»

Hin zu mehr Gesundheit mit personalisierter Ernährung

Professor Christian Sina vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Lübeck zeigte in seinem Vortrag, dass jeder Stoffwechsel anders reagiert. Am Ende seien es Gesamtdiät, Lebensstil und viele genetisch determinierte Voraussetzungen jedes Einzelnen, die sich auf die Gesundheit auswirken oder eben nicht. Die Themen Ernährung und Gesundheit seien zu komplex und zu individuell für einfache Lösungen. Einen möglichen Lösungsansatz für mehr Gesundheit sah Sina daher in der personalisierten Ernährung (Foto: VGMS – Daniel Peter).