Sonntag, 23. Juni 2024
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Wie Unternehmen ihre Biodiversitätsbilanz prüfen können

Jyväskylä / FI. (uni) Um den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten, müssen Unternehmen ihre negativen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt eindämmen, also ihre Biodiversitätsbilanz ziehen. Bisher bestand allerdings ein Mangel an Bewertungsmitteln dieser ökologischen Bilanz. Ein gemeinsames Projekt der Universität Jyväskylä, des finnischen kooperativen Einzelhändlers S Group und des finnischen Innovationsfonds Sitra hat nun eine Methode entwickelt, die dem Wirtschaftssektor den Weg weisen kann. Damit wurde erstmals die Biodiversitätsbilanz einer bedeutenden Einzelhandelsgruppe gezogen.

Forscher an der Universität Jyväskylä haben ein Verfahren entwickelt, mit dem Firmen ihre Biodiversitätsbilanz ziehen können. Im Mittelpunkt des Pilotprojekts stand die ökologische Bilanz der S Group. Das Ergebnis der Studie wird eine frei verfügbare Methode sein, mit der alle Unternehmen und Organisationen ermitteln können, welche Auswirkungen ihre Tätigkeit auf die Natur hat.

Dem unlängst veröffentlichten Zwischenbericht des Projekts ist zu entnehmen, dass Verbrauchsgüter wie etwa Lebensmittel und Kraftstoffe den größten Teil der Ökobilanz der S Group ausmachen, wobei der Hauptanteil auf Regionen jenseits der finnischen Grenzen entfällt. Gebrauchsgüter hingegen sind für einen deutlich geringeren Teil, nur wenige Prozent, der Biodiversitätsbilanz verantwortlich.

«Unternehmen berechnen bereits routinemäßig ihre Kohlenstoffbilanz. Dieses Projekt zeigt nun, dass sich auch die Biodiversitätsbilanz ermitteln lässt. Ein Unternehmen wie die S Group mit Betrieben in mehreren verschiedenen Sektoren spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung unserer Methode», erklärt Janne Kotiaho, Professor für Ökologie an der Universität Jyväskylä.

«Man muss die Herausforderungen des Klimas und der biologischen Vielfalt gleichzeitig angehen. Im Gegensatz zu den Klimaanstrengungen sind die Auswirkungen auf die biologische Vielfalt sehr örtlich begrenzt. Der Bericht zeigt, dass ein Bedarf an zunehmender Zusammenarbeit zwischen Firmen und Partnern besteht, die im selben geografischen Gebiet tätig sind. Unternehmen müssen neue Kooperationsnetze aufbauen, um ihre Belastung der Natur zu reduzieren», sagt Nina Elomaa, Senior Vice President, Sustainability, bei der S Group.

«Man kann nicht etwas managen, das man nicht messen kann. Um den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten, braucht man eine funktionstüchtige Methode zur Berechnung der Biodiversitätsbilanz. Ein Unternehmen, das das Management seiner ökologischen Bilanz ernsthaft in Angriff nehmen will, braucht eine derartige Methode. Wir können in Finnland stolz darauf sein, an der vordersten Front dieser globalen Entwicklungsarbeit mitzuwirken», ergänzt Lasse Miettinen, Director of Sustainability Solutions bei Sitra.

Das Thema ist hochaktuell, da Länder in der ganzen Welt auf der Montreal Biodiversity Conference im Dezember internationale Ziele zum Aufhalten des Verlusts der biologischen Vielfalt vereinbart haben. In dem vereinbarten globalen Biodiversitätsrahmen heißt es auch, dass große und transnationale Firmen in Zukunft ihre negativen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt offenlegen sollten.

Bilanz kartiert Auswirkungen auf terrestrische und aquatische Ökosysteme

Ein großer Teil der negativen Umweltauswirkungen, die dem Konsum in Finnland zuzuschreiben sind, wird in der ganzen Welt über die finnischen Grenzen hinaus generiert. Dem Berechnungsmodell zufolge, das auf Rechnungslegung und dem finnischen Außenhandel basiert, entstehen mehr als 90 Prozent der globalen Biodiversitätsbilanz der S Group in Regionen außerhalb Finnlands.

Die S Group strebt an, ihre Auswirkungen auf die biologische Vielfalt durch ihre Klimaarbeit und die Förderung eines nachhaltigeren Konsums sowie einer planetengerechteren Ernährung einzudämmen. Zu den Maßnahmen gehören Richtlinien bezüglich Rohstoffe und Beschaffung, die etwa die Fischbestände schützen oder sicherstellen, dass keine Einkäufe dort erfolgen, wo zum Beispiel Waldverluste drohen.

Methode zur Bewertung der Biodiversitätsbilanz der S Group

Die Biodiversitätsbilanz der Wertschöpfungskette und des eigenen Betriebs der S Group wurde mittels einer Methode bewertet, die von der School of Resource Wisdom der Universität Jyväskylä – JYU.Wisdom – entwickelt wurde. Der Indikator der Biodiversitätsbilanz liegt im Anteil der vom Aussterben bedrohten Arten in der Welt, das heißt dem «potenziell verschwundenen Bruchteil» (Potentially Disappeared Fraction, PDF) der Arten. Der Indikator sammelt den PDF-Wert diverser Arten in einer einzigen Maßeinheit, ähnlich wie Kohlenstoffbilanzbewertungen, und ermöglicht einen internationalen Vergleich der ökologischen Bilanz verschiedener Unternehmen. Die Methode wird noch weiterentwickelt.