Samstag, 4. Februar 2023
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Perspektive: 2035 kann jede dritte Stelle im Handel unbesetzt sein

Düsseldorf. (pwc) Der Handel und die Konsumgüterindustrie müssen sich auf einen extremen Mangel an ausgebildeten Fachkräften einstellen: Im Jahr 2035 könnte eine von drei Stellen in der Branche unbesetzt bleiben. Das entspricht 1,95 Millionen Arbeitsplätzen im Handel und 600.000 Stellen in der Konsumgüterindustrie. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Analyse von PwC Deutschland, die sich auf Daten des Wirtschaftsinstituts WifOR und der Bundesagentur für Arbeit stützt. «Der Mangel an Arbeitskräften im Handel und der Konsumgüterbranche ist bereits heute zu spüren und wird sich zukünftig weiter zuspitzen. Wenn Unternehmen nicht gegensteuern, droht ein extremer Fachkräftemangel», warnt Dr. Christian Wulff, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) Deutschland.

Verbraucher (m/w/d) spüren den Fachkräftemangel bereits

Der Fachkräftemangel schränkt das Einkaufserlebnis im Einzelhandel spürbar ein: In einer PwC-Konsumentenbefragung geben 29 Prozent an, dass sie regelmäßig längere Warteschlangen im Geschäft wahrnehmen. 28 Prozent beklagen sich über Schwierigkeiten, Verkaufspersonal oder Hilfe im Geschäft zu finden. «Diese Unannehmlichkeiten trüben nicht nur die Kauflaune, sondern wirken sich auch auf das Konsumverhalten und damit den Umsatz und Erfolg der Unternehmen aus. Denn bei ausverkauften Produkten weichen die Verbraucher (m/w/d) auf alternative Einzelhändler aus, kaufen ein anderes Produkt oder suchen online nach dem gewünschten Artikel», weiß Wulff.

Der demografische Wandel als Treiber des Fachkräftemangels

Einer der wesentlichen Treiber für den Fachkräftemangel ist die demografische Entwicklung. Das Durchschnittsalter der Mitarbeitenden im Handel und der Konsumgüterindustrie wird von 2020 bis 2035 von 46 auf 51 Jahre steigen «Auch wenn das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre angehoben wird, stellt die Pensionierung geburtenstarker Jahrgänge und die Nachbesetzung dieser Stellen eine große Hürde für die gesamte Wirtschaft und insbesondere den Handel da», lautet die Einschätzung von Petra Raspels, Head of People + Organisation bei PwC Deutschland. Dazu kommt die schwindende Attraktivität von Berufen, für die es eine Ausbildung braucht: «Auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist seit einigen Jahren zu beobachten, dass junge Menschen weniger Interesse an Ausbildungsberufen zeigen und Lehrstellen nicht besetzt werden können.» So blieben zuletzt rund 60 Prozent der Ausbildungsstellen für den Verkauf vakant.

2035 könnten 2,55 Millionen Stellen vakant sein

Während im Jahr 2020 coronabedingt noch ein leichter Überschuss an Fachkräften im Handel und der Konsumgüterindustrie herrschte, schlug bereits 2021 der langfristige Trend des Fachkräftemangels durch. Raspels: «In den kommenden Jahren wird das Angebot an Fachkräften kontinuierlich abnehmen, während die Nachfrage fortwährend steigt.» So könnten im Jahr 2035 rund 34 Prozent der Fachkräftestellen im Handel unbesetzt bleiben. Das entspricht 1,95 Millionen offenen Stellen. In der Konsumgüterindustrie könnten sogar 36 Prozent der Stellen vakant bleiben, insgesamt 600.000 Arbeitsplätze. Im Handel werden insbesondere Stellen im Verkauf von Lebensmitteln sowie im Einkauf und Vertrieb unbesetzt bleiben. In der Konsumgüterindustrie bahnt sich ein Engpass insbesondere in der Technik, Produktion und Verarbeitung an: Hier könnte bald fast jede zweite Fachkräftestelle vakant bleiben.

Was Händler und Konsumgüterhersteller jetzt tun können

«Konsumgüterhersteller und Handelsunternehmen müssen auf den Wandel reagieren, indem sie neue Mitarbeitende für die Branche begeistern sowie in gezieltes Upskilling der bestehenden Belegschaft investieren», sagt Wulff. Um die Lücke zwischen dem Angebot und der Nachfrage nach qualifiziertem Nachwuchs zu schließen, sollten Unternehmen nach Ansicht des PwC-Experten ihre Personal- mit der Geschäftsstrategie verknüpfen, um verlässlich für die Zukunft planen zu können. In der PwC-Studie «Future of Work + Skills Survey 2021» schneiden Handel und Konsumgüterindustrie in diesem Punkt im Branchenvergleich am schlechtesten ab: Lediglich 26 Prozent der Unternehmen geben an, dass ihre Gesamtstrategie eng mit der HR-Strategie verzahnt ist.

«Zudem sollten sich Unternehmen dafür einsetzen, die Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeitenden zu steigern, indem sie das Arbeitsumfeld und die Bedingungen attraktiver gestalten», lautet die Empfehlung von Wulff. Dazu zählen Angebote für Remote-Work in bestimmten Berufen, etwa für Fachkräfte aus IT und Marketing, und flexible Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten.

Auf Weiterbildung setzen und die Stärken der Digitalisierung nutzen

Die PwC-Experten (m/w/d) raten Händlern und Herstellern zudem dazu, die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ihrer Belegschaft über Fort- und Weiterbildungen zu erhöhen. Denn in diesem Bereich besteht laut der globalen PwC-Befragung «Hopes + Fears 2022» starker Nachholbedarf: So gab mehr als jeder Dritte (m/w/d) aus dem Handel und der Konsumgüterindustrie an, sich zu sorgen, dass der Arbeitgeber sie nicht mit den nötigen Skills für die Karriere versorgt. Nicht zuletzt kann die Digitalisierung einen Beitrag leisten, um dem Fachkräftemangel zu begegnen: Unternehmen sollten prüfen, welche Arbeitsabläufe sich automatisieren lassen, um die Mitarbeitenden von repetitiven und manuellen Aufgaben zu entlasten. Christian Wulff: «So bleibt mehr Zeit für wertschöpfende Aufgaben.»


Nachtrag: (Anm.d.Red.) Die Ergebnisse von PwC Deutschland kommen für die backenden Branchen nicht überraschend und sind in ihrer Tendenz seit Jahren bekannt. Die Schlussfolgerungen aus Düsseldorf für den Einzelhandel bleiben erstaunlicherweise hinter den realen Entwicklungen zurück. Um zum Beispiel – neben den geschilderten Maßnahmen – (a) steigende Lohn- und Nebenkosten in den Griff zu bekommen, (b) den Arbeitskräftemangel auszugleichen, (c) weiterhin eine flächendeckende Versorgung zu garantieren, und (d) den veränderten Kundenwünschen in Bezug auf variable Öffnungszeiten entgegenzukommen, entdecken immer mehr Unternehmen die Vorteile von autonomen Filialen und klassischen Automatenstandorten.
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