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Freifunk: Eine Bewegung im Wandel – und im Zeichen von Covid-19

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Bremerhaven. (usp) «Freifunk» ist eine bundesweite Graswurzelbewegung. Ursprünglich hat die sich zum Ziel gesetzt, Internet wenigstens über WLAN auch in jene Regionen zu bringen, deren Regionalfürsten digitale Entwicklungen teils bis heute komplett unterschätzen. Dieses Defizit versuchten die Freifunker dadurch auszugleichen, in dem sie die wenigen verfügbaren Verbindungen in die digitale Welt auf damals nicht immer ganz legale Weise vervielfältigten und in die Regionen trugen.

In Hamburg-Bergedorf war man dieser Bewegung bis vor wenigen Jahren noch sehr nahe. Direkt angrenzend an das schöne Herzogtum Lauenburg und mit freiem Blick in den Landkreis Lüneburg hinein war es mit der Internetverbindung leider nicht weit her. Andererseits wusste man: Aus Bergedorfer Perspektive ist der Landkreis Lüchow-Dannenberg nur wenige Kilometer entfernt. Das war insofern wichtig, weil die Elbtalaue nicht nur eine reizvolle Landschaft mit vielen Kulturschätzen ist. Der Eigensinn der Menschen und der Anspruch, bei aller Beschaulichkeit nicht auf zukunftsweisende Techniken verzichten zu wollen, führten zu einer regen Freifunkerszene. Kreativ und versiert sorgte die schon in ihrem Landkreis ordentlich für «Traffic», während man bei der Telekom noch immer auf dem Klingeldraht unterwegs war.

In Hamburg-Bergedorf hatte der das Glück für sich und eine schnelle Internetverbindung gepachtet, der nicht auf die Telekom angewiesen war, sondern im Einzugsbereich des regionalen Anbieters WilhelmTel wohnte und arbeitete. Während die eine Hälfte Bergedorfs bis vor wenigen Jahren noch unter dem Klingeldraht der Telekom litt, ist die andere Hälfte seit mehr als zwei Jahrzehnten schon auf Glasfaserkabeln unterwegs. Das macht einen riesengroßen Unterschied. Und der Grad der Versorgung ist bis heute eine wichtige Einflussgröße bei vielen Entscheidungen, ob unternehmerisch, familiär oder persönlich.

Im Hintergrundrauschen dieser Entwicklung schwang immer auch die Freifunkerszene aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg mit. Ihre aus damaliger Sicht nicht immer ganz legale Art zu helfen bewahrte nicht nur Unternehmen vor Problemen, sondern zum Beispiel auch alte Leute vor der Vereinsamung. Jedenfalls gelang es den Freifunkern auf vielfältige Weise, die Möglichkeiten und das Miteinander dort zu optimieren, wo andere Funktionsträger längst in der Pflicht gestanden hätten.

Die Sympathien für die Freifunker sind bis heute groß. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass die Graswurzelbewegung angesichts des nun fortschreitenden Glasfaser-Ausbaus in den Regionen ihre Positionen überdenkt und inhaltlich modernisiert. Ging es früher darum, dass Menschen wenigstens rudimentär an globalen Entwicklungen teilnehmen können, geht es heute überwiegend darum, die Demokratisierung der Netze ins Bewusstsein zu bringen – ausgestattet mit dem Anspruch, niemanden zurück zu lassen.

Zu welcher Zeit könnte dieser Anspruch größere Bedeutung haben als angesichts der Covid-19-Pandemie mit allen ihren Einschränkungen. Ging es früher um das schlichte Verfügbarmachen von Zugängen in die digitale Welt, geht es heute darum, möglichst viele Eigentümer und Mieter von WLAN-Routern davon zu überzeugen, an einem hierarchielosen Meshnetzwerk teilzunehmen. Dieses Netzwerk ermöglicht, dass auch Menschen am digitalen Leben teilnehmen können, die sich das sonst nicht leisten können. Dieses Netzwerk ermöglicht unter anderem auch, dass ans Haus gebundene Risikogruppen jemanden finden, mit dem sie mal reden können.

Ein schönes Beispiel gibt jetzt der Freifunk München ab. Dem ist es in den letzten Jahren gelungen, ein freies WLAN-Netz mit rund 1.700 Knoten aufzubauen. Zusätzlich bietet Freifunk München noch freie, verschlüsselnde DNS-Server und seit Beginn der Pandemie eine eigene Jitsi- Infrastruktur. «Jitsi» ist die quelloffene Alternative zu allen Systemen, die heutzutage Webinare, Videokonferenzen, Videotelefonie et cetera ermöglichen. Mit finanzieller Unterstützung von Sponsoren betreibt Freifunk München derzeit eine Infrastruktur, mit der sich bis zu 10.000 Personen gleichzeitig per Videoschalte unterhalten können – zum Beispiel in 330 Gruppen zu jeweils 30 Personen. Neben Unternehmen und Privatleuten unterstützen zudem Freifunk-Gruppen aus der Umgebung das ehrenamtliche Projekt mit ihren Ressourcen. Weitere Unterstützer sind willkommen. Bundesweit gibt es Freifunk heute in gut 400 Orten mit rund 49.300 Zugängen (Foto: pixabay.com).