Mehrwertsteuersenkung: Auf die Prioritäten kommt es an

Bremerhaven. (eb) «Mein Ziel ist, jeden meiner 1.500 Mitarbeitenden zum Jahresende noch beschäftigen zu können,» sagt Siegfried Beck von der gleichnamigen Bäckerei in Erlangen-Tennenlohe. Damit geht «Der Beck» das Thema Mehrwertsteuersenkung offensiv an und hofft auf das Verständnis seiner Kunden. Fünf Millionen Euro habe das Unternehmen aufnehmen müssen, um in der ersten Phase der Pandemie über die Runden zu kommen. Die temporäre Senkung der Umsatzsteuer sei geeignet, den ungeplanten Kredit wenigstens in Teilen wieder zurückzuzahlen, sagte Beck gegenüber dem Hilpoltsteiner Kurier. In normalen Zeiten rechnet Der Beck demnach mit 90 Millionen Euro Umsatz per Anno. Bedingt durch die Pandemie und den Lockdown sank der Umsatz im April 2020 um 45 Prozent. Im Mai lag das Minus bei 36 Prozent und im Juni noch bei 25 Prozent. Auf die Prioritäten komme es an. Soll heißen: Wenn ein Kunde für ein Brötchen weiter 53,5 Cent zahlt statt für ein halbes Jahr nur 52,5 Cent, dann kann der Kunde das verkraften. So verteilen sich Belastungen gleichmäßiger und steigen die Chancen, dass Ende 2020 beim Beck tatsächlich noch alle Beschäftigten in Arbeit sind.

Auch der Deutschland-Ableger der US-amerikanischen Kaffeehauskette Starbucks gibt Einsparungen aus der temporären Mehrwertsteuersenkung nicht an seine Kunden weiter. Das gehe aus einer internen E-Mail an deutsche Starbucks-Partner hervor, die dem Tagesspiegel vorliege. «Das bedeutet, dass sich für die Verkaufspreise keine Änderungen ergeben» soll es darin heißen. AmRest Coffee Deutschland, Betreiber nahezu aller bundesdeutschen Starbucks- Filialen, begründe die Entscheidung mit den langfristigen Perspektiven der Kette. Das Unternehmen wolle an dem im März verkündeten Tarifvertragsabschluss festhalten und der vereinbarten schrittweisen Lohnsteigerung von im Schnitt fünf Prozent pro Jahr nachkommen. «Die Mehrwertsteuersenkung gibt uns hierfür einen flexibleren Handlungsspielraum», heißt es auf Nachfrage des Tagesspiegels. Während die einen hinter der uneinheitlich ausgelegten Mehrwertsteuersenkung sofort einen «Steuerscheck für Konzerne mit großer Marktmacht» vermuten, scheint es doch eher so, dass auch die Systemgastronomie schwere Zeiten zunächst mal überstehen und Mitarbeitende halten will.

Ursprünglich war und ist die temporäre Mehrwertsteuersenkung dazu gedacht, sie an Verbraucher weiterzugeben oder an die eigenen Beschäftigten und damit den Konsum anzukurbeln. Die Hilfe droht nicht «zu verpuffen», nur weil sie uneinheitlich und manchmal auch «individuell» ausgelegt wird. Viele Unternehmen in Deutschland kämpfen ums Überleben und die temporäre Mehrwertsteuersenkung scheint geeignet, Finanzlöcher nicht noch weiter aufreißen zu lassen, wo «Soforthilfen» bislang versagt haben.