Sonntag, 23. Juni 2024
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Fehlt den geplanten Werbeverboten die wissenschaftliche Basis?

Berlin. (bll) Der Lebensmittelverband gab ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag zur Aussagekraft ausgewählter Studien zum Zusammenhang zwischen Werbeexposition und Ernährungsweise von Kindern. Die analysierten Studien liefern demnach keine Belege für eine Rechtfertigung eines Werbeverbots. Das Gutachten zeige: Die Evidenz eines unmittelbaren, kausalen Zusammenhangs zwischen der Werbeexposition von Kindern und vermehrtem Übergewicht bis hin zu Adipositas gibt es nicht.

Das Gutachten im Auftrag des Lebensmittelverbands wurde von Katharina Schüller, CEO Stat-up GmbH und Vorstandsmitglied der Deutschen Statistischen Gesellschaft, sowie Prof. Walter Krämer, Prof. em. TU Dortmund, angefertigt. In ihrer Arbeit untersuchen beide die wissenschaftlich-statistische Basis eines vielfach geforderten Werbeverbots für Nahrungsmittel, die hinsichtlich ihres Zucker-, Salz- oder Fettanteils nicht den Anforderungen des WHO Nährwertprofil-Modells für Europa (WHO, 2023) entsprechen.

Die Evidenz eines unmittelbaren, kausalen Zusammenhangs zwischen der Werbeexposition von Kindern und vermehrtem Übergewicht bis hin zu Adipositas ist nicht gegeben, sagen die Autoren. Weder ist die nachhaltige Wirkung von Werbung auf den vermehrten Verzehr von sogenannten HFSS-Lebensmitteln (high in fat, salt or sugar) bei Kindern wissenschaftlich klar belegt, noch stellt irgendeine Studie einen kausalen Zusammenhang zu Übergewicht her. Im Gegenteil, dieser Zusammenhang wird kaum untersucht. Gegenstand der aktuellen Forschung ist nur der zeitlich stark begrenzte Konsum von HFSS-Lebensmitteln durch Kinder nach deren Exposition gegenüber HFSS-Lebensmittel-Werbung.

Eine wissenschaftliche Grundlage, aus der sich ein evidenzbasiertes Werbeverbot zur Gesundheitsförderung ableiten ließe, ist somit nicht hinreichend gegeben. Vielmehr gilt: Alle untersuchten Studien, die im Kontext des diskutierten Verbots zitiert werden,

  • stellen entweder keinerlei derartige Behauptungen auf,
  • sind methodisch nicht geeignet konstruiert, um einen kausalen Zusammenhang zu gesundheitlichen Endpunkten (Übergewicht, Adipositas) aufzeigen zu können, oder
  • sind inhaltlich und methodisch derart mangelhaft, dass die Aussage der Studie haltlos ist.

Der erste Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass Studienergebnisse von Dritten falsch interpretiert werden. So spricht Prof. Bertold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit, fälschlicherweise davon, die Studienlage zum Werbeeinfluss auf Kinderernährung sei «glasklar» (Roggenkamp, 2023).

Der zweite Kritikpunkt umfasst unter anderem das Problem, dass mögliche Risikofaktoren, die für das Auftreten des beobachteten Effekts verantwortlich sind, nicht berücksichtigt werden oder dass die Beobachtungsdauer zu kurz ist.

Der dritte Kritikpunkt, methodische Mängel, zeigt sich unter anderem in Form der sogenannten «Alpha-Fehler-Aufblähung» (Type I error inflation), fehlender Auseinandersetzung mit methodischen Schwächen und statistischer Unsicherheit sowie ungeeigneten statistischen Methoden.

Zusätzlich zu diesen Kritikpunkten identifizieren die Gutachter das Problem der Publikationsverzerrung (Publication Bias). Eine solche tritt auf, wenn Studien mit statistisch signifikanten Effekten häufiger in Fachjournalen publiziert werden, wodurch überdurchschnittlich Zufallseffekte publiziert werden.

Zum Ende des Gutachtens skizzieren die Autoren kurz, wie eine wissenschaftlich fundierte Studie zur Untersuchung der Werbeauswirkungen von HFSS-Produkten auf die Gesundheit von Kindern aufgebaut sein müsste, um eine statistisch-methodisch solide Evidenzbasis zur Verfügung zu stellen. Die Langfassung der Studie «Wissenschaftliches Gutachten zur Wirkung von Werbung auf die Ernährung von Kindern» steht auf der Homepage von Katharina Schüllers Stat-up GmbH zum kostenfreien Download bereit.