Donnerstag, 29. September 2022
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Idealisierte Vorstellungen prägen Ernährungsreport 2020

Berlin. (eb) Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat den Ernährungsreport 2020 vorgestellt. Die repräsentative Forsa-Umfrage soll die Ess- und Einkaufsgewohnheiten der Deutschen beleuchten. Komplexe Sachverhalte sollen leicht verständlich dargestellt werden. Aufgrund der aktuellen Covid-19-Pandemie hat das BMEL die Umfrage 2020 um die Befragung «Ernährung in der Corona-Krise» ergänzt.

«Deutschland wie es isst – Der BMEL-Ernährungsreport 2020» ist kein Bericht mit empirisch erhobenen Daten, aus dem sich Handlungsempfehlungen ableiten ließen. Von Bundesministerin Julia Klöckner als Public-Relation-Broschüre genutzt, klammert der «Ernährungsreport 2020» vorhandene Fehlentwicklungen weitgehend aus. Die sichtbaren Ernährungsprobleme der Deutschen, die sich längst in den Arztpraxen widerspiegeln und zunehmend unsere Sozialkassen belasten, haben keinen Platz mehr in einer Publikation, die 2016 genau dafür konzipiert wurde. In diesem Sinn ist der «Ernährungsreport 2020» ohne Wert und lohnt die Lektüre nicht.

Selbst die Schlussfolgerungen, die der Report aus der Zusatzbefragung «Ernährung in der Corona-Krise» zieht, sind nichtssagend und manchmal auch falsch. Natürlich kochen die Menschen derzeit lieber selbst. Das liegt aber nicht am aufkeimenden Familienidyll, sondern an der Kurzarbeit, von der gerade viele Leute erfasst sind. Wer zuhause bleiben muss, der hat weniger Geld, dafür mehr Zeit zur Verfügung. Der Coffee-to-go auf dem Weg zur Arbeit fällt weg, das schnelle Einschieben eines Convenience- Produkts nach Feierabend ebenfalls. Wo die Menschen mehr Zeit und weniger Geld haben, kochen sie selbstverständlich mehr selbst. Und wenn die Kinder nicht zur Schule dürfen und der Partner oder die Partnerin ebenfalls zuhause ist, dann kocht man eben im Familienkreis. So schnell dieser «Trend» einsetzte, wird er sich auch wieder verflüchtigen.

Erstaunlich: Das durch etliche Statistiken wiederholt nachgewiesene One-Stop-Shopping im Supermarkt oder beim Discounter findet im «Ernährungsreport 2020» mit keinem Wort Erwähnung. Kein Wort über die Anfälligkeiten der Lieferketten, kein Wort über die Hamsterkäufe im Lebensmittel- Einzelhandel. Hier gibt es eindeutig einen Bruch in der Wahrnehmung von Wahrheit und Wahrhaftigkeit, denn: Geht es nach den Worten von Ministerin Klöckner, hätten wir alle am liebsten direkt beim Bauern unseres Vertrauens gekauft. Überhaupt kann man nach dem Lesen des Reports zu dem Schluss gelangen, dass sich die großen Probleme dieser Welt von selbst auflösen, wenn wir nur alle wenigstens einmal unsere Bauern ganz doll drücken.

Spätestens mit diesem «Ernährungsreport 2020» steht das 2016 aus der Taufe gehobene Format auf dem Prüfstand. Die Ausgabe 2020 bildet die Realität nur noch bedingt ab und kann als Kapitulation vor der organisierten Agrar- und Ernährungswirtschaft verstanden werden.

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